Auch wenn die DVD-Veröffentlichung von "Cold Case" noch auf sich warten lassen mag - Werbung machen kann man ja schon mal. Denn die Serie hat es sich absolut verdient. Auf den ersten Blick ist sie "nur" eine weitere Krimiserie aus den USA; aber hinter der recht simplen Prämisse - Mordfälle aus der nahen und fernen Vergangenheit werden wieder aufgerollt - verbirgt sich ein erstaunlich tragfähiges Konzept: Die Möglichkeiten sind schier unendlich. Die Grundstruktur ist dabei immer dieselbe: Wir sehen einen - mit dem Datum bezeichneten - Ausschnitt aus der Zeit des Mordes, eine auf den ersten Blick nicht unbedingt bedeutungsvolle Szene, die meist das spätere Mordopfer und andere Protagonisten vorstellt; dann erfolgt der Schnitt auf die Leiche, ein weiterer Schnitt bringt uns in die Gegenwart, wo auf Grund irgendeines Hinweises neue Bewegung in den Fall kommt; es folgt der Vorspann. Diese ganz wenigen Minuten genügen bereits vollauf, den Zuschauer einzustimmen; am Ende der Folge schließlich, nach dem Geständnis des Mörders, folgt die finale Sequenz, in welcher noch einmal alle Beteiligten gezeigt werden, und zwar ohne Worte und zu den Klängen eines Songs aus dem betreffenden Mordjahr. Das einmal ist das zuverlässige Gerüst, auf dem in nahezu jeder Episode sehr spannende Fälle gezimmert werden, die teilweise bis in die 1910er oder 20er Jahre zurückreichen, manchmal aber auch nur einige wenige Jahre alt sind. Jede einzelne Folge ist denn auch ein Gesamtkunstwerk; die immer sehr wichtige musikalische Untermalung, die Ausstattung, Kleidung, Frisuren, soziale und private Beziehungen, gesellschaftliche Um- und Missstände, historische Zäsuren etc. fügen sich jedes Mal in ein neues Ganzes, und oft hängt auch der jeweilige Mordfall direkt mit Problemen der Zeit zusammen: Homosexualität und AIDS-Angst, Rassenhass, die Kommunistenjagd, Vietnam- und Irakkrieg, aber auch Themen wie Kindesmissbrauch, Zwangsprostitution, Probleme von Highschool-Kids damals und heute (eine Folge thematisiert den Amoklauf zweier Jugendlicher; in einer anderen wird sehr schön die "no-future"-Mentalität Anfang der 90er Jahre eingefangen) und auch andere (leider) zeitlose Dramen wie Eifersucht, Geldgier etc. werden be- und verarbeitet. Ganz abgesehen von den Fällen selbst, die trotz eines manchmal erstaunlich einfachen Strickmusters (es werden einfach immer mehr Informationen gesammelt) und trotz der Tatsache, dass meist keine akute Gefahr droht, hervorragend funktionieren, freue ich mich jedes Mal auch einfach auf den Blick in eine andere Zeit, auf die jungen und alten Gesichter der Protagonisten, die je nach Alter der Fälle in beiden Zeitebenen vom selben Darsteller verkörpert werden oder eben nicht, auf die Musik, auf die Art, in der die Vergangenheit eingefangen wird (die jeweiligen Passagen sind meist in anderem Stil und mit anderen Mitteln gefilmt als diejenigen, die in der Gegenwart spielen). Und vielleicht gerade, weil die meisten Folgen so eine nostalgisch-melancholische Aura umfängt, weil man gleich zu Anfang weiß, wer stirbt, und man im Laufe der Folge doch Sympathie für den jeweiligen Charakter entwickelt, weil das Bewusstsein der Vergänglichkeit - der Zeit und der Menschen - sich durch die Perspektive der Serie noch mehr in den Fokus schiebt, und weil nicht zuletzt die Musik ihren Teil dazu beiträgt, hinterlassen gerade die finalen Passagen immer einen so besonderen Eindruck: Der Täter wird abgeführt, die Überlebenden schließen ab mit der Vergangenheit, das Opfer erscheint ein letztes Mal - entweder Angehörigen oder den Ermittlern - als wolle es sich versichern, dass der Gerechtigkeit genüge getan ist und dass die, die weiterlebten, jetzt auch in Frieden leben können. Das ist traurig-schön, und tragisch geht es oft genug auch zu, denn - für mein Gefühl überdurchschnittlich - viele Morde stellen sich später als solche heraus, die im Affekt begangen wurden. Und dementsprechend sind die Menschen, die dann oft Jahrzehnte später doch noch für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden, Figuren, für die man oft genug Mitleid empfinden mag. Alles in allem spürt man ziemlich oft den bitteren Atem des Schicksals wehen - und es fühlt sich auf dieser Seite des Fernsehers richtig gut an. Also, Verantwortliche jenseits des großen Meeres, seid nett und packt "Cold Case" irgendwann mal auf DVD - ich würd's sogar kaufen.