Da mich Neurowissenschafter und Lebenserfahrungen lehrten, dass Scheitern die Regel und Erfolg haben die Ausnahme ist, bin ich immer auf der Suche nach guten Beispielen. Denn ohne gute Geschichten lässt sich niemand zu einem neuen Glaubensbekenntnis motivieren. Matthias Bröckers hat das Handwerk des Schreibens als Journalist gelernt, war Redakteur der taz und Kolumnist der Zeit und der Woche. Für den Leser seiner Bücher ist dieser Hintergrund natürlich ein Gewinn. Denn die 49 Geschichten des Scheiterns sind so locker und gekonnt erzählt, dass man automatisch in den Text hineingezogen wird. Inhaltlich gefiel mir seine Sammlung ebenfalls, auch wenn nicht alle Geschichten die gleiche Qualität haben. Das liegt vor allem daran, dass Matthias Bröckers in die Rollen eines nüchternen Beobachters und eines intellektuellen Kommentators schlüpft. Mir gefallen die moralinfreien Erzählungen wesentlich besser.
Bröckers erzählt vom Scheitern in der Wissenschaft, der Religion und der Politik. Er beleuchtet Fehlschläge in der Liebe, der Medizin und der IT-Branche. Kurz: Er erzählt über die Welt und die menschlichen Misserfolge, weil er es für den Normalfall hält, das Ziel später, gar nicht oder von einer anderen Seite zu erreichen. Und offenbar ergeht es Bröckers wie allen, die sich vom Glauben lösen können, das Leben sei planbar: er wird gelassener. Seine 49 Geschichten könnten Leser dazu verführen, weniger perfekt und erfolgshungrig zu sein. Kein schlechter Effekt.
Mein Fazit: Laut Vorwort beschäftigt sich der Autor bereits mit der Idee, ein "Cogito ergo bum bum" zu schreiben, also einen Folgeband. Ich würde das begrüssen, wünschte mir allerdings, dass er dann seinen grossen Geschichtenschatz noch konsequenter nach Qualitätsprodukten durchstöbert. Im Zweifelsfalle für den Autor, also fünf Sterne. Auch weil die 49 Geschichten so unterhaltsam geschrieben sind.