Die berühmte große Heidelberger Liederhandschrift, die sogenannte Codex Manesse, aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, zählt zweifelsohne zu den prominentesten und wertvollsten Mittelalterhandschriften. Der Ursprung des Buches wird den Züricher Bürgern Rüdiger und Johannes Manesse zugeschrieben, die die Vollendung ihres Werkes jedoch nicht mehr erlebten. Beide starben, bevor die Sammlung fertig war.
Zusammen mit anderen Wissenschaftlern, Autoren, professionellen Sprechern, Sounddesignern und den Musikern der Capella Antiqua Bambergensis (CAB) entwarf die Autorin Birge Tetzner ein Hörspiel, das auf spannende Weise die Entstehungsgeschichte dieses "schönsten Buches des Mittelalters", welches als Ursprung aller mittelalterlichen Musik gilt, erzählt und zur Reise in die Welt des Minnesangs einlädt. Die Zuhörer "treffen" viele Stars der mittelalterlichen Musikszene, Walther von der Vogelweide, Tannhäuser, Otto von Botenlauben und Ulrich von Lichtenstein.
Das Hörbuch, welches auf der ersten CD zu erleben ist, beginnt mit dem vermeintlichen Ursprungsgedanken dieser Sammlung: Wie kamen die Manesses überhaupt auf den Gedanken, alle damals bekannten Lieder in einer einzigen Sammlung zu bündeln? Und wie brachten sie ihr Werk voran? Unterhaltsam und informativ, wunderbar inszeniert und arrangiert setzt Birge Tetzner ihre Vermutungen in Szene. Mittelalterliche Klänge und durch die Bamberger Mittelaltergruppe professionell intonierte Lieder sind verbindende Elemente.
Als Erzähler und tragende Rolle dieses Hörspiels fungiert der wohl bekannteste deutsche Synchronsprecher und Grimme-Preisträger Christian Brückner - die deutsche Stimme Robert de Niros. Er ist mit seiner prägnanten Stimme geradezu prädestiniert für dieses Hörspiel. Jan Burdinski, Wolfgang Grindemann und Harry Kühn stehen ihm ebenso kompetent zur Seite.
Dem Hörspiel gelingt auf unnachahmliche Weise ein harmonischer Zeitensprung in eine oft allzu düster und brutal dargestellte Epoche. Eine auditive Zeitreise par excellence.
Die zweite CD enthält eine von der CAB zusammengestellte Liedersammlung und verschiedene Klangbeispiele, die die mittelalterliche Musizierpraxis verdeutlichen könnten. Dabei weicht die Capella teilweise von der Codex Manesse ab. Die dreizehn Stücke decken eine geschichtlich größere Bandbreite - von 900 bis zur Zeit vor 1500 - ab. Die Musiker setzen dabei ausschließlich Instrumente ein, wie sie im Mittelalter üblich waren und auch in den Illustrationen der Manessischen Liederhandschrift belegt sind. Einziger Wermutstropfen: es wird nicht sehr viel gesungen. Etwas mehr Sangeskunst wäre das sogenannte i-Tüpfelchen der ansonsten hervorragenden Produktion gewesen.
Drittes Schmankerl ist die Multimediadatei auf der zweiten CD. Sie enthält fein arrangierte Hintergrundbeiträge rund um den Codex, die Musik und die Beteiligten und ergänzt das ohnehin schon sehr umfangreiche Booklet zum Album.
Fazit:
Die Berliner Kunsthistorikerin Birge Tetzner schafft gemeinsam mit der Bamberger Mittelaltergruppe "Capella Antiqua Bambergensis", der sonoren Erzählstimme von Christian Brückner und den Klängen von mittelalterlichen Sackpfeifen, Trommeln, Schalmeien und Fiedeln eine atemberaubende Verbindung, um Wissenswertes zum Liedgut des Mittelalters zu vermitteln; zudem in einer überaus ansprechenden Gestaltung: lehrreich und unterhaltsam zugleich!