Es war mehr Zufall denn wahre Absicht gewesen, als ich über Overlord stolperte. Am Ende war ich heilfroh, mich auf ein für meinen Geschmack eher untypisches Spiel eingelassen zu haben. Overlord ist erfrischend anders, immer wieder urkomisch und annehmbar von der Konsole portiert. Man hätte die Steuerung des bösen Gebieters und seiner kleinen Untertanen ruhig selbstverständlicher arrangieren dürfen, es hätte aber auch schlimmer kommen können.
Nomen est Omen: In Overlord übernehmt ihr die Kontrolle über einen finsteren Herrscher - den Overlord - der just von seinen Schützlingen aus dem langen Dämmerschlaf erweckt wurde und sein inzwischen zerfallenes Reich wieder aufbauen muss. Da draußen vor den Toren des dunklen Turms proben Zwerge, Halblinge, Elfen und Menschen nämlich den Aufstand. Was Demut und Hörigkeit heißt, scheinen sie seit eurem einstigen Untergang schon vergessen zu haben. Gut, dass euch eine putzige Armee von kleinen Schergen nur zu gerne mit Leib und Seele zur Verfügung steht, um Unrecht und Chaos wieder herzustellen.
Schergen heißen die kleinen, gremlin-artigen Monster, die sich wie eine Schar Katzen um die knackigen Waden des Overlords schlängeln und auf einen Fingerzeig alles und jeden in seine Einzelteile zerlegen. Es ist kaum nötig, sich selbst die Finger schmutzig zu machen. Per Mausklick stürmen sie Häuser, zerklopfen Kisten und bringen euch alles, was irgendwie funkelt und glitzert. Was sie dabei an Waffen und Rüstung selbst gebrauchen können, behalten sie freilich ein. Jagt man die Kleinen beispielsweise durch ein Kürbisfeld, benutzen sie diese danach als Helme. Das gilt auch für andere lustige Kopfbedeckungen. Neue Funde machen die meterhohe Heerschar dabei immer schlagkräftiger.
Taktik bedarf es in sofern, dass es vier unterschiedliche Arten von Schergen gibt. Braune, die klassischen, zähen Nahkämpfer, Grüne, die wieselflinken Assassinen, Rote, die feuerwerfenden Fernkämpfer, und Blaue, die Notartzbrigade der Truppe. Die wollen alle gemäß ihrer Talente eingesetzt werden. Nahkämpfer nehmen es mutig mit gegnerischen Armeen auf, Assassinen springen einzelne übergroße Gegner gerne von hinten an und die Reanimateure kümmern sich nach dem Ende eines Scharmützels um Tote und Verwundete.
Trumpf von Anfang bis Ende des Spiels ist Humor. Overlord darf getrost als Satire, bisweilen gar Persiflage und damit auch Ode an das Fantasy-Genre verstanden werden. Liebevoll scheinen die einzelnen Völker und Missionen inszeniert und doch macht sich das Spiel stets lustig über die klassische Darstellungsweise. Elfen glänzen hier als weinerliche Esoteriker, Zwerge als goldschürfende Trunkenbolde, Halblinge als verfressene Dickwänzte. Immer wieder fühlt man sich mit einem Augenzwinkern an den Herrn der Ringe - der hier und da sicher als Ziel des Spotts diente - erinnert. Ja, der Overlord selbst scheint Sauron wie aus dem Gesicht geschnitten.
Meine Empfehlung: Kaufen, wenn es zur Abwechslung einmal etwas Lustiges sein darf, das darüber hinaus Geschick und Raffinesse verlangt! Die Rollenspielfeatures des Spiels, zu denen der Ausbau des eigenen Turms sowie die Entscheidung für den Weg des bösen Tyrannen oder den des nachsichtigen Imperators gehören, machen deutlich mehr aus dem Spiel, was den einen oder anderen bestimmt dazu verlassen wird, sich zweimal zum Overlord über die Welt der Sterblichen aufzuschwingen. Denn machen wir uns nichts vor: Des Menschen Herz lechzt heimlich doch nach einem wahren Despoten ...