Coco Chanel eine Nazi-Agentin? Dass ihre Vergangenheit während der deutschen Besatzung von Frankreich nicht lupenrein gewesen sein konnte, nun das kann jeder ahnen, der ihre Biografie bei Wikipedia liest. Warum sonst hat sie in der Schweiz Unterschlupf gesucht, suchen müssen? Was aber genau war der Anlass für ihre Flucht?
Hal Vaughan, Journalist, Schriftsteller und für den amerikanischen Auswärtigen Dienst tätig, ist der Sache nachgegangen. Wie viele Archive er besucht hat, wie viele Dokumente er studiert hat, wie viel Zeit er in dieses Buch investiert hat, kann man erahnen, wenn man einen Blick in den Anhang wirft. Beginnend auf S. 341 werden akribisch die Quellen pro Kapitel aufgelistet. Eine vorbildliche Dokumentation. Des Weiteren erhält der Leser ab S. 377 eine umfangreiche Bibliographie und natürlich gibt es auch noch die Bildnachweise der zahlreichen Fotografien und Dokumente.
Der Autor beginnt zwar mit der Geburt, der Kindheit, Jugend der berühmten Modedesignerin. Diese Jahre werden jedoch nur gestreift. Ähnlich wie die Jahre nach ihrer Rückkehr nach Frankreich. Ausführlicher wird auf ihren beruflichen Aufstieg und ihre Liebhaber eingegangen. Dies ist vor allem deswegen wichtig, weil einige der Ereignisse das Verständnis für spätere Handlungen erleichtern. Beispielsweise die Beziehung zu Pierre Wertheimer. Einerseits die geschäftliche Beziehung, dann aber auch die Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte. Der Vertrag mit den Wertheimers über die Parfümgeschäfte wirkte sich zwar positiv auf die Produktionskapazitäten, die Marktstellung und das Vertriebsnetz aus. Dennoch fühlte sich Chanel 'übers Ohr gehauen', und versuchte Anfang der dreißiger Jahre auf juristischem Weg eine Änderung herbeizuführen. Ein kläglicher Versuch, die Kontrolle über das Unternehmen zu erlangen. Zum Scheitern verurteilt. Kein Wunder also, dass sie später während der deutschen Besatzung eine neue Chance witterte, ihre jüdischen Geschäftspartner loszuwerden. Ebenso wichtig ist sicherlich die Beschreibung ihrer Beziehung zu dem Herzog von Westminster (auch Bendor genannt) und anderen Persönlichkeiten, die ihr später zu Hilfe eilen sollten. Die weiteren Schwerpunkte des Buches liegen eindeutig auf den Jahren der deutschen Besatzung, ihrer Tätigkeit als Agentin für das Deutsche Reich, dem Fortgang ihrer Beziehung zu den Wertheimers, ihren Geschäftspartnern. Des Weiteren wird umfangreich darauf eingegangen wie es ihr nach dem Krieg gelungen ist, sich der Verfolgung zu entziehen.
Eine geschickte Kombination von Beziehungen einerseits und taktischen Mitteln andererseits. Wichtiger als die kostenlose Abgabe von Parfum an die alliierten Soldaten war wohl die Unterstützung durch Männer wie Winston Churchill und den Herzog von Westminster, der ihr die Warnung zukommen lies, zu fliehen. Deren Motivation ist einfach durchschaubar. Die Dame wusste zuviel. Im Falle eines Gerichtsverfahrens wären gewiss Dinge über den Herzog von Windsor oder andere Persönlichkeiten zur Sprache gekommen, die man lieber verschweigen wollte. So wundert es nicht, dass, als es dann doch zu einer Vernehmung durch Richter Serre kam, diesem ganz offensichtlich Informationen fehlten. Da Chanels Aussage nicht zur Aufklärung beitrug, konnte der Richter nicht alle Puzzlesteine zusammensetzen. In der Gerichtsakte stand jedenfalls geschrieben: 'Die Aussagen, die Mademoiselle Chanel vor Gericht gemacht hat, waren irreführend.' (304)
Ihr Glück, das die Informationen über ihre Spanien-Missionen, insbesondere über die Operation Modellhut nicht ans Tageslicht kam. Zuviel will ich hier allerdings von dem Agentenleben der französischen Modedesignerin nicht schreiben, das wäre dann wirklich ein Spoiler, der Ihnen die Spannung nehmen würde.
Des Weiteren hatte sie Glück, dass die Wertheimers, ihre Geschäftspartner, die sie eigentlich ausbooten wollte, den Nutzen einer weiteren Geschäftsbeziehung sahen, und die Vergangenheit Vergangenheit sein ließen. Die Einigung mit Pierre Wertheimer ermöglichte Chanel den Neuanfang in Frankreich. Der Verzicht auf eine Klage brachte aber auch der Familie Wertheimer Nutzen. Deren Vereinbarung mit dem französischen Luftfahrtpionier Félix Amiot, der das Wertheimer-Vermögen während der Besatzung treuhänderisch verwaltet hatte, dabei auch seine Verbindungen zu Hermann Göring, dem Oberkommandierenden der deutschen Luftwaffe ausgenutzt hatte, konnte weiterhin geheim gehalten werden. Dasselbe galt für die Mission des Wertheimer-Mitarbeiters Herbert Gregory Thomas, der während der Besatzungszeit nicht nur die geheime Formel von Chanel No.5 in Erfahrungen bringen sollte, die Inhaltsstoffe beschaffen sollte, sondern auch den jungen Wertheimer aus Frankreich heraus schmuggelte. Ach ja, dieser H.G. Thomas heuerte später beim OSS, dem CIA-Vorläufer an. Ehrlich gesagt bietet dieses Buch Stoff für mehr als einen Thriller oder Agentenfilm.
Der Schreibstil ist überaus gut lesbar und kurzweilig. Zitate sind zwar eingearbeitet, darunter auch längere Zitate, diese empfand ich beim Lesen jedoch nicht als störend. Im Gegenteil. Positiv empfand ich außerdem, dass der Autor parallel zu den biografischen Ausführungen auch die geschichtliche Entwicklung, insbesondere in Deutschland, erwähnt.
Mein Fazit:
Das Leben selber schreibt doch immer die besten Geschichten. Das Doppelleben der Coco Chanel bietet alles: Intrigen, Spionage, Verdunkelung ... und natürlich Liebe. Großartig recherchiert mit einer umfangreichen Dokumentation. Spannend und lesenswert für all diejenigen, die gerne hinter die Kulissen schauen.