"Apotheke" heißt die New Yorker Cocktailbar von Albert Trummer - zugleich ist es auch das Motto seines Cocktailbuches: vorgestellt werden 90 Cocktails, fast alle mit angeblich gesundheitsfördernder Wirkung. Die meisten Drinks zieren je eine Doppelseite des großformatigen Buches: rechts ein ganzseitiges Foto, links die Rezeptur nebst kurzem Text zu der "gesunden" Zutat. Die Cocktails hat Thomas Schauer fotografisch sehr schön - wenn auch manchmal etwas gleichförmig - in Szene gesetzt, auch das abwechslungsreiche, aber trotzdem ruhige Layout der Rezepte gefällt mir.
Leider kann der Inhalt überhaupt nicht überzeugen. Das Interessanteste war für mich noch der einleitende Aufsatz des Arztes Markus Metka, der die historische Entwicklung "Von der Alchemie zur Mixologie" nachzeichnet. Er bleibt aber stark an der Oberfläche, das Erscheinungsjahr eines abgebildeten historischen Cocktailbuches stimmt nicht, zudem scheint das Bild einen modernen Nachdruck, nicht des Original-Cover zu zeigen. Richtig aber ist, dass viele bekannte Liköre auf Heilmittel zurückgehen und Alkohol in früheren Jahrhunderten gegen jedwede Krankheit als Medikament verschrieben wurde - doch darüber ist die Medizin nun wahrlich lange hinweg!
Sätze wie "Der Griff zu diesem so besonders gefüllten Cocktailglas verschafft uns unsere tägliche Obst- und Gemüseration und zusätzlich sämtliche wichtigen Inhaltsstoffe, die uns lange jung bleiben lassen" finde ich daher äußerst gewagt! Alkoholische Cocktails sind ein Genussmittel! Wer seine Gesundheit mit Äpfeln stärken möchte, der sollte in einen frischen Apfel beißen - und sich die Mühe sparen, 3 Äpfel zu pürrieren, durch ein Sieb zu streichen, daraus 5 cl "Apfelextrakt" zu gewinnen, dieses mit Calvados, Cidre, braunem Zucker und einem ominösen Holunderblütenextrakt zu einem Cocktail zu schütteln! Und was bitte hat eine Auberginenscheibe in einem Rum-Cocktail zu suchen? Auf die Idee ist 200 Jahre lang noch niemand gekommen, und wenn ich das Rezept lese, zu Recht! Sie soll übrigens eine Stunde darin ziehen - na super, und was trinkt der Gast bis dahin? Um an die "bioaktiven Substanzen" der Aubergine zu kommen, gibt es hervorragende Kochrezepte, in denen ich ihren Geschmack nicht umständlich mit Rum und Gewürzen überdecken muss.
Geradezu albern wird es, wenn neben fast jedem Cocktail seine angeblich "antioxidativen, antiinflammatorischen und chemopräventiven Potenzen" angegeben sind. Der "Hibiscus Sour" - ein "Anti-Aging-Drink" - bekommt für "antiinflammatorische" (entzündungshemmende) Wirkung 3 von 5 Punkten - weil rohes Eiweiß darin steckt. Nun habe nichts gegen Sours mit Eiweiß (wie jeder Bartender weiß, sorgt es für ein angenehmes Mundgefühl), weiß aber: ein Drink mit Bourbon Whiskey und Zucker macht betrunken und dick, aber bestimmt nicht gesund!
Über das ganze "Anti-Aging"-Gefasel könnte man noch hinwegsehen, wenn nicht so viele Rezepte bei dem krampfhaften Versuch, "gesunde" Zutaten einzubauen, so gut wie unmixbar wären. Hier ein Tropfen Nelkenöl, dort ein Schwedenbitter-Kräuterextrakt (umständlich selbst herzustellen), in fast jedem Drink steckt Ungewöhnliches: Aloe Vera, Paprikabitter, Paprika-Extrakt, Lavendel, Persimone, Chili-Öl, südamerikanische kakaobohnen, frische Zitronenstrauchblätter, Hibiskus-Extrakt, Wacholderbeeren-Extrakt, Goji-Beeren, Tamarinden, Agavennektar, Valrhona-Schokoladenpürree - die Liste ließe sich lange fortsetzen. Mehrfach wird "Albert Trummers Holunderblütenextrakt" benötigt, dessen Zubereitung nicht erklärt wird. So soll das Buch wohl den Verkauf des gleichnamigen Lizenzproduktes einer Wiener Firma fördern. Da kommt es schon fast nicht mehr darauf an, dass die Zubereitung oft sehr zeitraubend, die Anleitungen vielfach dürftig sind.
Für mich war das Buch also ein Fehlkauf - bestenfalls dekorationshalber als Coffee-Table-Book zu gebrauchen. Oder zum Drunterlegen, wenn der Barstuhl mal wackelt, auf dem man sich gerade vor lauter Gesundheitswahn die Kante gibt.