James Graham Ballard, der im April 2009 leider verstarb, ist vor allem für seine Sience-Fiction-Romane und sein kontrovers diskutiertes und später auch verfilmtes Buch "Crash" bekannt. Ich bin überhaupt erst durch sein spätes (1996) Werk "Weißes Feuer" (englisch: "Cocaine Nights") auf ihn gestoßen, ein Buch, das in Deutschland nur spärliche Aufmerksamkeit erfahren hat, für mich aber sein bestes ist. In einer früheren Rezension wird übrigens auch darauf hingewiesen, dass "Weißes Feuer" der ideale Ballard-Einstiegsroman ist. Das kann ich nur unterstreichen. Worum geht es? Der Journalist Charles Prentice reist in die spanische Küstenkolonie Estrella de Mar, in der ein mysteriöser Brand fünf Menschenleben gekostet hat. Charles Bruder Frank, dort als Manager des exklusiven Clubs "Nautico" tätig, wurde als Tatverdächtiger festgenommen. Charles ist wie vor den Kopf geschlagen, als er vor Ort feststellt, dass sein Bruder die Tat einräumt und keinerlei Bereitschaft zeigt, von dem - in den Augen aller Beteiligten absurden - Schuldeingeständnis abzurücken. Der Journalist taucht ein in die Welt von Estrella de Mar und muss erkennen, dass die scheinbar glatte, langweilige Pensionistenkolonie dunkle Geheimnisse birgt. Während er glaubt, der Wahrheit Stück für Stück näherzukommen, gerät er, meisterhaft manipuliert, immer tiefer in den tödlichen Sog von Estrella de Mar. Ballards Roman ist auf den ersten Blick ein Thriller im klassischen Whodunit-Gewand. Tatsächlich ist es die messerscharfe Studie einer im Niedergang begriffenen Gesellschaft, die, gelangweilt von sich und ihrem durch Sicherheitszäune und Wachpersonal geschützten Alltag, nach stetig neuen Attraktionen, Herausforderungen und Sensationen verlangt und dabei ihre eigenen Untiefen auslotet. Fazit: Ein spannender Thriller und eine verstörende, aber höchst lesenswerte Studie zum Niedergang der Zivilisation.