Coaching von Doppelspitzen – Anleitung für den Coach: ein viel versprechender Titel zu einem in der Praxis notorisch schwierigen Thema. Und ein Untertitel, der in eine echte, geradezu klaffende Marktlücke hinein zielt. Ich bitte um ein kurzes Innehalten: Welche Erwartungen weckt diese Titelkombination in Ihnen? -
Wieviele Assoziationen melden sich doch beim Wort Doppelspitzen in jemandem, der sich im Laufe der Jahre in so mancher Organisation umgesehen hat. Da ist der einsame Geschäftsführer, dem ein vifer Betriebsleiter das Heft langsam aber sicher aus der Hand genommen und der damit die ursprüngliche Einfachspitze zu einer Quasi-Doppelspitze mit einer formellen und einer informellen Spitze erweitert hat. Da ist die Erinnerung an die frühen 1990er-Jahre, als in den verstaatlichten Betrieben der (damals noch) „Ostblock“-Staaten im Zuge von Privatisierungen geradezu byzantinische Strukturen offen zu Tage traten, bei denen zwar ganz oben meistens eine einzelne, manchmal auch sehr starke Führungsperson stand – immer allerdings begleitet von einem Parteisoldaten, der daraus eine Doppelspitze machte; wobei sich manchmal die Frage stellte, wer davon formell und wer informell führte. Da ist der Familienbetrieb, in dem Geschwister um Macht und Einfluss ringen - und diese Gewohnheit auch nach ihrem Rückzug in den Aufsichtsrat weiter pflegen, indem sie Ihre Favoriten in die Geschäftsführung einbauen und dort Stellvertreterkriege führen lassen. Und da ist die Gesellschaft mit einer ganz formell eingesetzten gleichgewichtigen Doppelspitze und mit Spielen beschäftigt, die man vielleicht am besten als systemisches Achterbahnfahren bezeichnet.
Ja - das alles und mehr finden Sie, ausgehend von einer überbreit angelegten Einführung ins Thema Coaching sowie einer deutlich zurückhaltenderen ins Thema Organisationsentwicklung mit besonderer Berücksichtigung von Doppelspitzen, in einer stark von Fachjargon durchsetzten Sprache, analytisch strukturiert und durch Literaturangaben belegt, enzyklopädisch zusammengefasst im 76 Seiten starken ersten Teil dieses Buches.
Im zweiten Teil folgt, ähnlich aufgebaut und im gleichen Stil, eine langer Exkurs über Konflikte – ausgehend von sehr allgemeinen Überlegungen bis hin zu typischen Doppelspitzen-Phänomenen. Beide Teile sind mit vielen Fallbeispielen aufgelockert, die alle nach dem Schema von Ergebnisprotokollen (Situationsbeschreibung gefolgt vom Resultat) abgefasst sind, also weder mit Handlungsverläufen noch -anweisungen, ohne konkrete methodische Hinweise und ohne eingehende methodische Reflexion.
Und im Inneren dieses über 100 Seiten starken zweiten Teils finden Sie dann, als krönenden Abschluss auf ganzen 20 Seiten, das Thema „Konfliktcoaching von Doppelspitzen“. Die Besonderheit dieses Abschnittes: Während in den vorangegangenen Abschnitten zahlreiche Fallbespiele gebracht werden, kommt die Autorin in diesem Herzstück ihres Buches ohne ein einziges davon aus. Wenn das nicht paradox ist? In einer Metasprache, die womöglich noch distanzierter ist als überall davor, wird hier ein Thema - nein: DAS THEMA – abgehandelt, als sollte damit kurzer Prozess gemacht werden. Zwar gibt es ein konsequent durchdachtes Diagnosekonzept, dagegen fehlen weiterhin methodische Hinweise und konkrete Anleitungen zum Handeln; die Darstellung ist über weite Strecken eine Zusammenstellung ausführlicher, gescheit kommentierter Literaturzitate.-
Ein Buch über Coaching von Doppelspitzen? Wenn Sie eine Enzyklopädie auf hohem akademischem Niveau über dieses Thema suchen: hier ist sie; umfassender, nüchterner und unterkühlter geht’s kaum. Wer allerdings als Coach jemals der Einladung widerstehen musste, auf solchen Achterbahnen mitzufahren, wird sich möglicherweise fragen, ob das die angemessene Darstellungsform für dieses hochbrisante Thema ist.
Anleitung für den Coach? Die muss erst noch geschrieben werden, wenn es sie denn gibt - Astrid Schreyögg behält sie jedenfalls für sich.