Dr. M. Rennert ist Diplom-Psychologin, klinische Psychologin und Psychotherapeutin. Ihre systemisch orientierte Pionierarbeit über das sich verstärkende Wechselspiel von Co-Abhängigkeit und Suchtmittelmissbrauch in Familien zeichnet sich durch klare, wissenschaftliche Methodik einerseits (sauber aufgearbeitete Quellen), sowie durch reiche Praxiserfahrung mit Betroffenen andererseits aus - eine Mischung, die auch spätere Fachpublikationen zu diesem Themenkomplex nicht oft erfüllen. Ihr Fokus ist deskriptiv und wertschätzend (!), ihr Schreibstil transparent und auch für fachliche Laien gut nachvollziehbar. Fazit: Alles in allem, ein wichtiges Grundlagenwerk für Betroffene und (Sozial-)Therapeuten, die in diesem Bereich arbeiten!
Rennert stützt sich in ihrer Darstellung v.a. auf die Arbeiten der Gründungsmitglieder der NACoA (National Association for Children of Alcoholics) und stellt diese in Grundzügen vor. In besonderer Weise geht sie auf das Rollenmodell von Sharon Wegscheider-Cruse ein, das für den familientherapeutischen Behandlungsansatz von Suchtkranken in den USA grundlegend ist. Der idealtypische Ansatz "Familien um einen Suchtkranken herum als System zu behandeln", nimmt ca. 2/3 des Buches ein. In diesem Teil kann man sich als betroffener Co-Abhängiger gut in den typischen Abwehrstrategien wiedererkennen, selbst wenn keine Familientherapie möglich war. Interessanterweise fokussieren die Arbeiten der anderen beiden Gründungsväter (Timmen Cermak, klinischer Psychiater und Robert Subby, Psychologe) die Problematik der ursprünglichen Zielgruppe "Adult Children of Alcoholics" näher. Beide Autoren sind bemüht, einen fundierten, weitgefassten Krankheitsbegriff der Entwicklungsstörung Co-Abhängigkeit zu etablieren, der das Phänomen in seinem Kontext (nach neuen DSM-III / ICD-10 Kriterien) angemessen fassen kann und eindeutig von tieferen Ich-Persönlichkeitsstörungen abgrenzt - auch heute noch ein Desiderat in der deutschen Psychotherapiegesetzgebung, das nach mehr Aufmerksamkeit verlangt! Die Leitsymptome und dysfunktionalen Regeln, die Cermak und Subby zusammentragen, haben zudem eine weitere Reichweite, als das um ein suchtmittelabhängiges oder psychisch krankes Familienmitglied fokussierte Problemfeld. Sie lassen sich auch auf (Familien-)Systeme übertragen, in denen massive Verleugnung durch Gewalt, rigide Regeln, Missbrauch oder Deprivierung stattfindet, und bieten in diesem weitgefassten Co-Abhängigkeits-Begriff präzise Bewältigungshilfen für "Menschen mit systemisch bedingten Spätfolgen" an.
Ich habe das Buch als betroffener Laie gelesen und fand es zu keiner Zeit "kurzweilig", wie mein Vorrezensent, eher erschreckend, zugleich aber auch tief aufklärend. Das Leitkriterium eines durch Sucht- und Co-Abhängigkeit belasteten Familiensystems ist die gemeinsam geschaffene Realitätsverleugnung, in der sich eine verdrängte Problematik durch allerlei zwanghaft gesteigerte Abwehrstrategien (auch in Form von hohen ethischen, empathischen oder spirituellen Werten) stillschweigend verfestigt, statt aufzulösen. Alkoholabhängigkeit ist jedoch nicht in jedem Falle DAS zentrale Familienproblem und kann ebenfalls ein Trauma-Bewältigungsmechanismus sein, der lieber toleriert wird, als das dahinterliegende, emotional abgewehrte Thema. An keiner Stelle des Buches geht Frau Rennert ansatzweise auf einen erweiterten Trauma-Begriff ein, geschweige denn auf den in bindungspsychologischer Hinsicht wichtigen Kontext des zweiten Weltkrieges und seine Spätfolgen. Suchtmittelabhängigkeit und Co-Abhängigkeit werden ausschließlich auf den Kontext der "dysfunktionalen Kleinfamilie" mit mehreren Kindern bezogen, wobei die familientherapeutische Sucht-Intervention an Gewicht gewinnt. Hierin versagt m. E. der enge 1:1 Transfer von amerikanischen Ansätzen in unseren Gesellschaftskontext.
Dennoch: Aufklärungsarbeit ist ein wichtiger Baustein im therapeutischen Auflösen von "co-abhängiger Pseudo-Logik" und dieses Buch leistet dazu einen wichtigen Beitrag, ohne dabei in das radikal Gottesgläubige Welt- und Menschenbild vieler amerikanischer 12-Schritte-Programme zu verfallen. Die NACoA arbeitet v.a. mit Hilfe zur Selbsthilfe und bietet zahlreiche Gruppen und Publikationen an. Betroffenen erwachsenen Kindern aus alkoholbelasteten Familien, möchte ich unabhängig davon zwei weitere, herausragende Autoren empfehlen: Waltraut Barnowski-Geiser sowie Franz Ruppert, der mit seinen Trauma-Systemaufstellungen ebenfalls aufklärende Pionierarbeit in seelischem Grenzgebiet leistet.