Den Grundansatz des Buches finde ich eigentlich ganz gut, denn schließlich trifft es das Grundproblem der Co-Abhängigen genau: die eigenen Probleme, die eigene Selbstaufgabe, die eigene Hilflosigkeit zu erkennen, anstatt sich hauptsächlich um den Alkoholiker oder anderwertig Suchtkranken im nächsten Umfeld zu kümmern. Bei der Erkenntnis, dass man selbst an sich arbeiten muss, statt an den anderen herumzudoktorn und zu leiden, hat es mir persönlich geholfen.
Unnötig finde ich die Auflistung, wie die Instiutionen Schule und Kirche zur Förderung der Co-Abhängigkeit beitragen, denn das ist eigentlich selbsterklärend. Ich glaube, jedem Menschen, der sich mit Psychologie beschäftigt, ist klar, dass die Kirche viele "ungesunde" Verhaltensweisen unterstützt und sogar von ihren Mitgliedern verlangt. Und "die Schule", die in diesem Buch durch diverse Horrorszenarien beschrieben wird, kenne ich aus meiner Erfahrung z.B. gar nicht. Denn Manipulationen und Machtmissbrauch schlimmster Art durch SchuldirektorInnenen und LehrerInnen stehen gottseidank nicht unbedingt überall an der Tagesordnung.....
Was mir an dem Buch am meisten abgeht, ist ein Ansatz, wie man sich nun aus der Co-Abhängigkeit rausbewegen kann und ob die einzige Lösung die totale Trennung vom Partner oder von der ganzen Familie ist? Und was passiert dann? Es heißt, alle Mitglieder des Systems müssten therapeutisch behandelt werden. Aber wie und vor allem - von wem? Denn die Kritik der Autorin richtet sich ganz besonders gegen ihre Fach-KollegInnen und gibt nicht mal eine Anfangs-Starthilfe für Betroffene. Stattdessen stößt man immer wieder auf die nicht besonders beruhigende Überzeugung der Autorin, dass sowieso der allergrößte Teil der TherapeutInnen selbst co-abhängig ist und daher weder den co-abhängigen PatientInnen, noch den AlkoholikerInnen des Systems helfen kann.
Resümee: für betroffene "Laien" eine gute Einstiegslektüre, die aber viel zu viele Fragen offen lässt.
Mein Tipp: in Therapie gehen und weiterlesen!
Im akuten Falle hilfreich war mir z.B. Eric Berne "Spiele der Erwachsenen" - Kapitel "Das Spiel Alkoholiker", ein sehr gutes Beispiel aus dem Alltag. Und jedenfalls auch Monika Rennert "Co-Abhängigkeit - Was Sucht für die Familie bedeutet" (s.d.).