Seit 2008 beschäftige ich mich beruflich fast ausschließlich mit Cloud Computing und darum ist ein Cloud-Buch, das so viele gute Bewertungen hat, automatisch interessant für mich. Leider hält das Buch nicht, was die Bewertungen hier versprechen. Es gibt zahlreiche Lücken.
Abschnitt 2.1.1 (S.22-23) zur Virtualisierung (eine der Grundlagen des Cloud Computing) umfasst wenig mehr als eine Seite und ist inhaltlich so dünn, dass der Leser kaum einen Nutzen daraus ziehen kann. Die gängigen Lösungen zur Virtualisierung werden nur ein Mal namentlich erwähnt. KVM, der Standard bei privaten Clouds kommt gar nicht vor. Ähnlich verhält es sich beim Unterkapitel 2.2 zu Web-Services (eine weitere Grundlage des Cloud Computing). Hier erwähnt der Autor auf den Seiten 23 und 24, dass es SOAP gibt, verliert aber ansonsten kein Wort mehr darüber. REST wird auf einigen Seiten erklärt. Dass SOAP durchaus wichtig ist, zeigen die populären, öffentlich verfügbaren Cloud-Dienste wie z.B. die Amazon Web Services (AWS). Diese können via REST und SOAP kommunizieren. Einige Angebote wie der Speicherdienst Cumulus aus dem Nimbus-Projekt kommunizieren ausschließlich über SOAP.
In Kapitel 2.3.1 (S.30-31) geht es um Datenspeicher in der Cloud. Dabei geht der Autor auf die NoSQL-Datenbanken ein. Objektbasierte Speicherdienste wie der Amazon Simple Storage Service (S3), blockbasierte Speicherdienste wie der Elastic Block Storage (EBS) oder tabellenbasierte Speicherdienste wie der Relational Database Service (RDS) werden nicht erklärt. Das ist schade, da S3 und EBS sowie die schnittstellenkompatiblen Dienste meiner Meinung nach die häufigste Anwendung von Datenspeicher in der Cloud darstellen.
Ein positiver Aspekt des Werkes sind die Kostenbeispiele in Abschnitt 5.3. Man muss aber dazu sagen, dass man solche Beispiele immer schönrechnen kann und Kostenrechnungen immer vom konkreten Anwendungsfall abhängen.
Die Beschreibung der Cloud-Dienste von Amazon, Microsoft, IBM und Google in Kapitel 6 ist gut gemacht, wenn auch schon leicht veraltet. Das kann man dem Autor aber nicht vorwerfen. Die Entwicklung im Bereich der öffentlich verfügbaren Cloud-Angebote geht so schnell vonstatten, dass gedruckte Werke kaum mithalten können.
Die allermeisten freien privaten Cloud-Lösungen wie die Infrastrukturdienste OpenNebula, Nimbus oder OpenStack kommen nicht vor. Eucalyptus wird in weniger als 1 Seite (S.181) abgehandelt. Auch die freien Plattformdienste AppScale und typhoonAE (beides freie Reimplementierungen der Google App Engine) kommen mit keinem Wort vor. Das Design, also die technischen Grundlagen der verschiedenen Dienste, werden nicht erklärt.
Auf die verschiedenen Möglichkeiten zur Steuerung von Cloud-Diensten geht der Autor mit Ausnahme der Amazon Management Console und der Weboberfläche von Force.com nicht ein. Die Kommandozeilenwerkzeuge werden nicht einmal erwähnt. Diese sind für die Arbeit mit vielen Cloud-Diensten aber unverzichtbar. Daran sieht man, dass das Werk sich nicht an Leser richtet, die mit den Cloud-Diensten arbeiten möchten. Die Zielgruppe sind vermutlich Berater und 'Entscheidungsträger', die ein wenig mitreden möchten und dafür die wichtigsten Begrifflichkeiten kennen müssen.
Die sprachliche Qualität ist stellenweise durchwachsen. Der Autor verwendet viele Anglizismen, auch da, wo es nun wirklich nicht nötig ist. Ein Beispiel sind die häufig vorkommenden "Datacenter" mit denen eigentlich Daten- bzw. Rechenzentren gemeint sind.
Da ich selbst Coautor von zwei Cloud Computing-Büchern bin, wollte ich zuerst keine Rezension über das Buch schreiben. Nicht zuletzt wegen der überschwänglichen Rezension, die vermutlich teilweise Gefälligkeitsbewertungen sind, habe ich es nun doch gemacht.