Grundgütiger, was für ein Film.
Und ja, um der ausdrücklichen Betonung willen gleich noch mal: Was. Für. Ein. Film!!
Aber alles der Reihe nach. Und erst einmal vorweg:
Da sich einzelne Anmerkungen, die mir bezüglich dieses Streifens wichtig erscheinen, direkt auf die Handlung bzw. deren dramaturgische Umsetzung beziehen, lassen sich vereinzelte SPOILER nicht gänzlich vermeiden. Ich werde jedoch selbstverständlich keinerlei essentielle Handlungsverläufe oder mögliche Twists vorwegnehmen. So sollten auch diejenigen, die bislang noch nicht die Möglichkeit hatten, "Cloud Atlas" zu sehen, ein wenig mehr über den Film erfahren können, ohne dass ihnen im Zuge dessen Spaß und Spanung verdorben werden.
Zudem bitte ich um Nachsicht dafür, dass die hiesige Rezension "etwas" umfangreicher ausfällt. Der Film präsentiert sich nach meinem Empfinden als dermaßen facettenreich, dass ich das Gefühl hätte, seiner vielgesichtigen Imposanz einfach nicht hinreichend gerecht zu werden, wenn ich mich nur auf ein paar knappe Infos beschränkte.
Zu guter letzt gilt natürlich auch diesmal, wie generell immer und für jede Rezension eines jeden Nutzers hier:
Ich breite hier allenfalls eine Einzelmeinung, nämlich eben meine ganz persönliche (und damit hochgradig subjektive) Einschätzung über den Film aus. Wer immer den Streifen gegenteilig bewerten möchte oder dies bereits getan hat - nur zu! Wenn man "Cloud Atlas" zugesteht, die ein oder andere sehr wahre Botschaft zu vermitteln, dann unter anderem sicherlich jene, dass es für uns alle von ungemeiner Bedeutung ist, den Lauf der Welt stets kritisch zu hinterfragen und Bestehendes nicht einfach unwidersprochen stehen zu lassen. Kurzum: Gegenläufige Meinungen, fundiert und nachvollziehbar dargelegt, erweitern die Perspektive und den Erkenntnishorizont.
Letzterer, der Erkenninshorizont, hat sich bei mir schon beim (aus lauter Begeisterung gleich wiederholten) Ansehen des Trailers zu "Cloud Atlas" gehörig verschoben. Über was für einen vielversprechenden cineastischen Appetizer ich da zufällig gestolpert war! Gleich mehrere Handlungsstränge wurden angedeutet, allesamt in unterschiedlichen Zeitepochen angesiedelt, und offenbar doch auf geheimnisvolle Weise miteinander verknüpft ("Alles ist verbunden"). Der Text aus dem Off - tendenziell pathetisch, zugegeben, aber dennoch - oder gerade deswegen - eine wohlige Gänsehaut erzeugend:
"Unsere Leben gehören nicht uns.
Von der Wiege bis zur Bahre
sind wir mit anderen verbunden
in Vergangenheit und Gegenwart.
Und mit jedem Verbrechen
und jedem Akt der Güte
erschaffen wir unsere Zukunft."
Pfuhhh. Und WOW!
Und diese Bilder! Was für eine visuelle Opulenz! Diese einfühlsame, berührende Musik, herrlich schön! Und all das, man glaubte es kaum, sollte - *Irritation pur* - ein deutscher Film sein??
Wir Deutschen mögen zwar, das muss man einfach eingestehen, für alles Mögliche bekannt sein, nicht jedoch unbedingt für die Produktion ganz, ganz, ganz großen Kinos. Im Allgemeinen begnügen wir uns damit, uns von Herrn Schweiger keinohrhasig bekokowäähen zu lassen. Eine etwas verschrobene Eigenart? Geschenkt.
Wenn einem Streifen dann aber doch mal ein wenig internationale Aufmerksamkeit zukommt, dann entweder, weil es sich um fulminanten
Herbig'schen Humor handelt, den die Welt noch immer nicht wirklich von unsereinem erwarten würde, oder weil wir uns schonungslos selbstkritisch und zugleich enorm sehenswert mit unserer
Vergangenheit auseinandersetzen, idealerweise natürlich - das geht immer - unter Rückgriff auf Nazis im Allgemeinen oder
Adolf Obernazi im Besonderen.
"Cloud Atlas" hingegen bricht mit dieser etwas eingerosteten Tradition auf solch eindrucksvolle Weise, dass ich mich, als es dann endlich soweit war, den Streifen erstmalig zu sehen, mehrfach bei einem Anflug von unterschwelligem Stolz ertappte: Krauts können Kino!
Die Kooperation von Regisseur Tom Tykwer mit den beiden "
Matrix"-Veteranen Andrew und Lana Wachowski erweist sich - ja, man muss es so sagen - geradezu als Segen der Filmkunst, als eine sich offenkundig gegenseitig kreativ befeuernde Troika, ein schöpferisches Gespann, das dem Zuschauer ein grandioses visuelles und klangliches Feuerwerk darbietet, welches seinesgleichen sucht.
Doch worum geht es überhaupt?
Diese Frage ist bei dem hier rezensierten Film nicht wirklich leicht zu beantworten; annähern kann man sich einer möglichen Antwort wohl am ehesten mittels einer zunächst einmal rein formalen Beschreibung: "Cloud Atlas" präsentiert dem Zuschauer episodenhaft einzelne Schicksale von Personen, die innerhalb der Zeitspanne von 1849 bis 2346 in sechs gänzlich unterschiedlichen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten leben und sich während ihres Daseins jeweils auf die ein oder andere Weise mit bedeutsamen ethischen Prüfungen konfrontiert sehen.
Treibendes Motiv ist hierbei offenbar maßgeblich das menschliche "Streben nach mehr", die unstillbare Gier nach Ressourcen, nach Dominanz, nach Herrschaft über andere - sei es in Form der Macht von Gutsbesitzern über ihre Sklaven, in Form von skrupelloser Gewalt eines kriminellen Energie-Konsortiums gegenüber seinen Kritikern oder in Form der Allmacht einer künftigen Konzernokratie über Wohl und Wehe ihrer Arbeitsklone - denn
"stets wandern die Schwachen
den Starken in den Rachen"
- ein gnadenlos treffender Leitsatz, der keinesfalls nur metaphorisch zu verstehen ist, sondern in den futuristischen Episoden durch kannibalistische Elemente in seiner buchstäblichen Realisierung gipfelt.
Der strigente rote Faden ist, in diesem Zusammenhang naheliegend, das Auflehnen einzelner Charaktere gegen diese vermeintlich unumstößliche ewige Ordnung, ein Aufbegehren gegenüber anscheinend zwingend gültigen erbarmungslosen Normen. Auch dies wieder in vollkommen unterschiedlicher Art und Weise und auf vielfältigen Ebenen - im Kleinen etwa hinsichtlich sozialer Konventionen, bezüglich sexueller Präferenz, als Emanzipationsprozess vom musischen Mentor oder Widerstand gegen die despotische Belegschaft eines Seniorenheims; im ganz großen Umfang hingegen durch den Versuch eines gesamtgesellschaftlichen Umsturzes.
Dass derlei keinesfalls leicht verdaubare Kost ist, sondern enorm polarisieren kann, lässt sich wohl nicht zuletzt an den - bisweilen sehr bezeichnenden - Reaktionen auf den Film anschaulich ablesen:
In den USA beispielsweise hat man ihm seitens diverser Kritiker sowie in einschlägigen Rezensionen geifernd eine klar europäisch eingefärbte "liberal agenda" attestiert, weil er es unter anderem doch tatsächlich wagt, halb im Meer versunkene Städte anzudeuten und damit den Klimawandel in den Bereich des eventuell Möglichen zu rücken. Ja, dem Streifen wurde gar (und dies nicht etwa aus Russland) "gay propaganda" unterstellt, weil er die Unverfrorenheit besitzt, ein verliebtes Männerpaar zu zeigen - und selbst hierzulande, in unserer ach so aufgeklärten und toleranten Gesellschaft, musste ich bei den von mir besuchten Vorstellungen ernüchtert feststellen, dass es nach wie vor ganz offenbar nicht wenige erwachsene (!) Menschen gibt, die den Anblick eines Kusses zweier Männer auf der Leinwand mit lautstark gegrölten Ekelsbekundungen quittieren. Was tut man(n)cher Zuschauer nicht alles für die eigene Reputation in seiner Peergroup ganzer Kerle.
Es liegt auf der Hand, dass - nicht nur, aber auch - eine derart konfrontative Perspektive ihren Teil dazu beitragen dürfte, dem ein oder anderen Zuschauer einen aufgeschlossenen Zugang zu den mannigfaltigen inhaltlichen Ebenen von "Cloud Atlas" zu erschweren oder sogar vollends zu verbauen.
Dabei zeigt sich immer wieder, wie belebend gut es dem Film tut, dass seine Struktur gerade nicht der sehr strikten pyramidalen Gliederung der
Buchvorlage von David Mitchell folgt, sondern dass die individuellen Handlungsstränge vielmehr parallel laufen und stellenweise ineinandergreifen - denn somit werden deren Gleichrangigkeit und enge Verwobenheit zusätzlich hervorgehoben. Zugleich jedoch führt dies, und das ist wiederum die Kehrseite dieser Medaille, zu einer dichteren Komplexität des Stoffes. Das macht "Cloud Atlas" zwar nicht gleich zu einem undurchdringlich-monströsen Buch mit sieben Siegeln, nimmt den Zuschauer aber schon etwas mehr in Anspruch als jene Filme es tun, von denen man sich gemeinhin einfach "berieseln" lässt. Hier ist der Rezipient schon kontinuierlich gefordert, das jeweilige Geschehen halbwegs aufmerksam zu verfolgen und mitzudenken, um sich angesichts häufiger Sprünge durch Zeiten, Orte und Handlungsstränge nicht in dem vermeintlichen Wirrwarr der Dramaturgie zu verheddern und auf diese Weise den kontextuellen Anschluss zu verlieren.
Auch greift es wohl zu kurz, wenn man der Versuchung erliegt, ausschließlich nach inhaltlichen Querverweisen zwischen den einzelnen Epochenhandlungen Ausschau zu halten.
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