Es ist ja nicht so, dass Cassandra Wilson eine schlechte Stimme hätte; singen kann sie zweifellos. Wenn sie beispielsweise bei "The Weight" ohne Vorwarnung mit voller Wucht ihren gewaltigen Stimmumfang ausreizt, dann wäre es eine Lüge zu behaupten, dass mich das kalt ließe. Jaaaa, und wenn die Percussions von Cyno Baptista und Jeffrey Haynes für eine mal lässige, mal verheißungsvoll coole Bossanova-Atmosphäre sorgen, dann ist Polen wirklich nicht verloren.
Die Bands auf diesem Album (Aufnahmen von 1993-2006) sind handverlesen, da stimmt soweit alles, kein Misston weit und breit. Bei diesen Namen ist das zwar auch nicht anders zu erwarten, aber schön ist's doch. Zu schön. Und viel zu gefällig, um nicht zu sagen: beliebig. Das ist nämlich die Crux bei diesem Album: Cassandra Wilson spielt hier Coverversionen von allem ein, was gut und teuer ist in Pop, Soul und Country; fast lauter Heuler, bei denen man sich schon was einfallen lassen sollte, wenn man sich an sie wagt. Manchmal gelingt ihr das. Manchmal...
Ihr Beinahe-Solo "I Can't Stand the Rain", nur begleitet von Chris Whitley an der Gitarre, ist phantastisch, gerade weil's ganz anders, noch viel archaischer klingt als bei Booker T. & The MGs oder bei Tina Turner. Fast ebenso fein klingt das anschließende "Lay, Lady Lay", mit deutlichen Jazz- und Latin-Anklängen, lässig, ohne beliebig zu werden. Am besten sind Cassandra Wilson die Songs gelungen, denen sie einen markanten Latin-Rhythmus unterlegt, oder bei denen sie ihren Stimmumfang ausreizen kann -- siehe bzw. höre "Last Train to Clarksville". Wenn sie hingegen z.B. die ursprünglich geradlinigen "Wichita Lineman" und "Time after Time" zu einem Gedudel jener Art verwurstet, das man aus diesen "Schmusejazz"-CDs vom Ramschtisch kennt, dann weiß man, dass es diese Versionen nie zum Klassiker bringen werden, wenn alles mit rechten Dingen zugeht.
Wenn nun eine dermaßen fähige Sängerin wie Cassandra Wilson mit einer dermaßen hochkarätig besetzten Band ein Album mit elf Coverversionen aus dem Pop-Allerheiligsten herausbringt, von denen nur vier (The Weight, Lay Lady Lay, Last Train to Clarksville, I Can't Stand the Rain) Klasse haben -- dann nenne ich das Ressourcenverschwendung. Meinen dritten Stern verdankt diese CD ausschließlich den guten "The Weight" und "Last Train to Clarksville", und den beiden herrlichen "I Can't Stand the Rain" und "Lay, Lady Lay".