Ob sich die Klangqualität dieser Deluxe-Ausgabe von derjenigen früherer CD-Ausgaben so gewaltig unterscheidet kann ich nicht beurteilen, da es meine erste CD-Ausgabe dieses Werkes ist, das ich während der letzten 25 Jahren ausschließlich auf Vinyl geniessen durfte. Gegenüber der schwarzen Scheibe ist der Gewinn allerdings enorm, räumlich-plastisch, präzise und mit jener beängstigend eiskalten Klarheit, die hier zum Werk gehört und nicht etwa digitalisierungsbedingt ist. So gut habe ich das zweite Joy-Division-Album in der Tat noch nie gehört, auch wenn die aus meiner Sicht schon früher vorhandenen, am eigenen Standard gemessenen leichten Schwächen des Albums gegenüber dem Erstling "Unknown Pleasures" hier um so deutlicher hervortreten: Die Stücke der ehemals ersten Vinyl-Seite sind nicht immer ganz auf einem Level, herausragend ist hier neben "Isolation" vor allem "Passover", dessen Rhythmik bereits auf die späteren New Order hinweist und für mich Verwandschaft zu den maschinenhaften Pioniertaten z.B. von The Can aufweist. Die sich kontinuierlich steigernde, legendäre zweite Seite (Stücke 6-9) dagegen ist dermaßen überirdisch gelungen, daß sie das Album insgesamt auf ein extrem hohes Niveau hebt und einfach unverzichtbar macht. Auch hier ist die Wirkung der digitalisierten Ausgabe gegenüber der alten LP verblüffend, man höre sich nur einmal das experimentell eingesetzte Tonbandrauschen auf "The Eternal" an, von "Decades", dem vielleicht besten Stück des Albums und einem der Höhepunkte im JD-Schaffen überhaupt ganz zu schweigen. Gleiches gilt für "Heart And Soul" und "Twenty Four Hours", mit dem die Band nicht nur ihre Garagenpunk-Wurzel dokumentiert sondern sich obendrein noch als 100%er Sachverwalter und Schrittmacher eben dieses Genres erweist. Und das mit nur einem einzigen Stück auf dieser Großtat von Album.
Was die zusätzliche Live-CD anbelangt: es gibt sicher bessere Konzertaufnahmen von Joy Division, trotzdem packt es einen auch hier sofort, aus einem kurzen Reinhören-Wollen ist bei mir auf Anhieb der Genuss der ganzen CD geworden.
Das Design im originalgetreuen, mattweißen Pappdesign ist vorbildlich, allerdings wären bei einer Band wie Joy Division, bei der stets auf den frühen Tod des Sängers hingewiesen wird (und der ja nie bloß Stimme sondern auch Inhalt gewesen ist), die Bereitstellung der Texte einfach zwingend gewesen. In der heutigen Zeit kann man das zu diesem Preis durchaus verlangen, für eine Textdatei auf der Bonus-CD (Spiellänge gute 50 Minuten) hätte es auf jeden Fall noch gereicht.