...das ist für mich (Körpergröße: 1,73 m) gar nicht mal so leicht. Glücklicherweise gibt es Richard Schickel, den Filmkritiker, Dokumentarfilmer und langjährigen Freund Eastwoods. Er hilft einem dabei, und zwar enorm. Er hat den Insiderblick. Im Hinblick auf seine Freundschaft mit Eastwood spielt er sogleich mit offenen Karten, bewahrt sich bei einigen Filmen dennoch den kritischen und bei allen Filmen einen recht nuancierten Blick. Man darf freilich keine Tiefenanalysen erwarten. Dennoch haben die Texte Schickels (im Wesentlichen kurze Anmerkungen zu den einzelnen Filmen) einen entscheidenden Mehrwert gegenüber allen anderen mir bis dato bekannten Eastwood-Büchern (indes kenne ich Schickels eigene Eastwood-Biographie aus den neunziger Jahren noch nicht). Sie verschaffen nicht den Analytikerblick von außen, sondern den Insiderblick, und der ist nicht minder faszinierend. Man bekommt einen genaueren Einblick, wie Eastwood arbeitet, welche Teile des Produktionsprozesses er selbst übernimmt (nie das Schreiben und komplette Story-Entwickeln, was zu seinem ungeheuren Ausstoß bis heute beiträgt), was es für eine Rolle spielt, eine Art Familienteam um sich zu haben - um nur einige Aspekte zu nennen. Viele Details rund um die Filme und Kommentare von anderen Prominenten (z.B. John Wayne, Spike Lee, Norman Mailer) waren sicherlich recherchierbar, aber vieles davon war mir noch neu (und ich habe doch schon einige Eastwood-Bücher gelesen). Neben den allgemeinen Aussagen wird Schickel persönlich, flicht ein, was Eastwood gerade zu ihm über dieses oder jenes gesagt hat. Und das ist niemals belanglose Protzerei. Noch klarer als in anderen Büchern schält sich heraus, welche politischen und ethischen Haltungen Eastwood tatsächlich hat (und dass sie konstanter sind, als sein Werk bei oberflächlichem Blick erahnen lässt). So ist etwa der Musikerfilm "Bird" nicht nur eine Hommage an Charlie Parker, die auf die Mitleidsdrüse drückt, sondern ist Eastwood gegenüber einem, der sein Riesentalent wegwirft, auch kritisch eingestellt. Eastwood, der Individualist, der ur-amerikanisch daran glaubt, dass jeder seines Glückes Schmied ist und der darum die Schuld an Parkers Drogenexzessen nicht nur, aber auch bei ihm selbst sieht. Gleichzeitig bewunderte er schon in seiner Kindheit Parkers musikalisches Genie. In wenigen Worten arbeitet Schickel diese Ambivalenz besser heraus als andere Eastwood-Bücher. Auch bei "Weißer Jäger, schwarzes Herz" erschließt sich der Film durch einen persönlichen Bezug neu: Man könnte ja meinen, Eastwood sei der Regisseur John Huston (den er verklausuliert als "John Wilson" spielt) besonders nahe gewesen, beides "ganze Kerle", auch Huston hat bis ins hohe Alter gearbeitet, und beide sind knochenharte Individualisten. Doch Pustekuchen, Eastwood verabscheut die grundlose Jagd auf Tiere, die Hustons Passion (in Form der Großwildjagd) war, und Eastwood kennt man auch eher nicht in der eitlen Selbstdarstellung, die er als Huston/Wilson verkörpert. Wir sehen diesen hochinteressanten Film mit den biographischen Hinweisen im Hinterkopf viel ambivalenter (in dem es immerhin darum geht, dass Huston/Wilson von dem Gedanken besessen ist, ein Mal in seinem Leben einen Elefantenbullen zu erlegen).
Viel weiteres Lobenswertes ist zu nennen. So war mir bisher nicht bekannt, dass Eastwood "Spiel mit das Lied vom Tod" abgelehnt hatte. Bei der vorherigen Zusammenarbeit mit dem Regisseur Sergio Leone drängt sich eigentlich die Frage auf, warum in dem genannten Film Charles Bronson auf einmal die Rolle des schweigsamen Rächers hatte. Bloß hat mir das erstaunlicherweise bislang kein anderes Eastwood-Buch beantwortet. Ebenfalls neu ist mir, dass Eastwood bei "Tightrope" größtenteils selbst Regie geführt haben soll. Man ist schon geneigt, es dem Insider Schickel zu glauben, zumal Eastwood derlei Lügen nicht nötig hat. Doch auch diese Information findet man sonst nirgends, nicht mal bei www.imdb.com (dort werde ich aber einen Änderungsversuch mit Hinweis auf das Buch starten). Schickel kann nicht nur bei solchen singulären Details, sondern auch in seinen Film-Kommentaren Akzente setzen. Man kann das Buch an zwei Abenden locker durchlesen und hat dann nicht eine Fülle von nebeneinanderstehenden Kurzkommentaren, sondern einen stimmig gespannten Bogen gelesen. Viele Querverbindungen und Konstanten werden gerade sichtbar, weil Schickel sich nicht allzu sehr in Details verliert - als Beispiele seien genannt: Dysfunktionale Familien und Outcast-Ersatzfamilien. Versuchen Sie einmal, aus dem Stand zu sagen, in wie vieles Eastwoods das eine Rolle spielt, und dann gehen Sie die Filmographie noch einmal durch. Sie werden überrascht sein! Auch für solche Konstanten schärft Schickel den Blick. Dabei leistet er deutlich mehr, als nur Inhaltsangaben zu verfassen und die US-Kritik zu referieren. Nein, Schickel nimmt auch einmal pointiert Stellung. Dass er dabei mit dem Leser nicht immer einer Meinung ist, ergibt sich daraus zwangsläufig. Mir ist es so lieber, als müsste man einen Pudding an die Wand nageln, ein Beispiel: Dass jemand den dritten Dirty Harry als die beste Fortsetzung von Teil 1 bezeichnet, kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Aber Chapeau, Schickel traut sich was und begründet es nachvollziehbar. Er traut sich auch endlich mal, gegen die (in den USA vielleicht nicht so verbreitete) Legende anzugehen, Eastwood sei zuerst von den Franzosen als ernstzunehmender Auteur entdeckt worden. Ohne French Bashing zu betreiben, weist er darauf hin, dass er trotz der Ehre des Jury-Vorsitzes in Cannes bis Ende der Achtziger mit seinen eigenen Filmen dort keine Auszeichnungen ergattern konnte. Im selben Jahrzehnt erschienen in den USA Publikationen, die Eastwood bemerkenswert ernst nahmen (in Frankreich aber auch, so dass die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegen dürfte und es in beiden Ländern "solche und solche" gab).
Nun vom Text zum Bild, das vorliegende Buch ist ein Prachtband zu Eastwoods achtzigstem Geburtstag und will es gar nicht verhehlen. Ein Rezensent meinte, alter Wein in neuen Schläuchen. Ich habe es anders empfunden. Meine bisherigen Eastwood-Bücher waren eher keine Bildbände. Für mich war recht vieles neu, fast alles ist wunderschön, vieles sehr groß und in edler Qualität. Auch meine ich, dass das Buch gar nicht mit dem Ziel antritt, die Welt neu zu erfinden. Stattdessen ist es ein Kompendium. Zum achtzigsten Geburtstag des Allround-Künstlers werden die Stationen seines Lebens noch einmal bildlich gesammelt. Und dermaßen viele schöne und ausdrucksstarke Bilder auf einem Haufen, das dürfte es wirklich noch nie gegeben haben. Es sind einige Dinge dabei, die man kennt und die man erwartet. Aber der Mann mit dem Poncho, der Mann mit den zusammengekniffenen Augen, der Mann mit der 44er Magnum, sie gehören nun einmal unverzichtbar in Eastwoods Ikonographie und Werk. Es würde bei einer Gesamtwürdigung eines Werkes, das gerade ein "Geburtstagsbuch" sein sollte, etwas fehlen, hätte man auf das sattsam Bekannte gänzlich verzichtet. Und Schickel präsentiert es einerseits sehr imposant, geht andererseits aber weit darüber hinaus. Deutlich wird beispielsweise Eastwoods gelegentlich aufblitzendes Faible für Rotakzente, wenn wir über anderthalb Seiten erstreckt sehen, wie Wes Block, der Cop mit bizarren sexuellen Obsessionen aus "Tightrope", in einem seltsamen Bordell ganz in Rot getaucht ist. Das ist eine schöne Überwältigungsfotografie, wir reiben uns beim Hinsehen die Augen, sowas gibt es noch öfter im Buch, aber es erschöpft sich nie im Selbstzweck. Genausowenig wie die exquisite Auswahl verschiedener Arten von Bildern. Neben Szenenfotos und behind-the-scene-shots wird unter anderem endlich einmal die Kinoplakatkunst angemessen gewürdigt. Das mag bei vielen Filmen ein vernachlässigbares Anhängsel sein, bei Eastwood nicht! Über das markante Schwarzweißprofil Eastwoods zu "Gran Torino", das nicht viel mehr die Linie der Gesichtskontur zeigt, hat sich kürzlich bereits Felicitas Kleiner auf der Homepage von "film-dienst" ausführlich geäußert - hier nun sehen wir es auf einer ganzen Seite. Auch können wir die sehr eigenwillige Superheldencomicästhetik des kürzlich verstorbenen Frank Frazetta ganzseitig bewundern, der ein sehr eigenwilliges, überzeichnetes Plakat zu "The Gauntlet" beigesteuert hat (nicht zufällig wurde gerade dieses im Nachruf der FAZ hervorgehoben). Wenn schließlich Meisterdieb Luther Whitney (Eastwood in "Absoulte Power") mit Hut lange Schatten an eine Mauer wirft und das Buch das ganzseitig in schwarzweiß abbildet, bekommt das eine eigenwillig schöne Film-noir-Ästhetik. Zwar ist "Absolute Power" ein Farbfilm, aber Thematik (ein Mann muss im Verborgenen handeln und als Ganove mit viel schlimmeren Verbrechern fertigwerden) und Fotografie lassen die Noir-Assoziation nicht ganz fernliegend erscheinen. Genau wie andere Eastwood-Arbeiten, die ins Dunkle und/oder Farbentsättigte tendieren. Schickel hat also nur ein bißchen nachgeholfen. Er kennt seinen Eastwood sehr gut. Und wir haben das Gefühl, daran teilhaben zu können. Dafür höchstes Lob und alle Sterne.