Selbstverständlich herrscht auf dem Markt der Illusionen ebenfalls ein harter Wettbewerb. Daher gelten auch im erotischen Showbusiness die üblichen Regeln, um im Kampf um die Aufmerksamkeit vorne dabei zu sein. Also ist eine klare Positionierung angesagt. Und da nur wenige Prostituierte große Lust verspüren, von der Arbeit auf der Straße oder billigen Puffs zu berichten, positioniert sich Cleo verständlicherweise als Edelhure. Doch das weckt nun mal bestimmte Vorstellungen, die auch eingelöst werden sollten. So wie der gewöhnliche Leser bei "Mein Leben als..." nicht sofort an Tagebucheintragungen vom 3. Januar bis 26. Dezember des Jahres yx denkt.
Berichterstattungen von Edelhuren, Angestellten sündhaft teurer Escort-Services und Ein-Frau-Unternehmen mit schwindelerregenden Stundenansätzen gibt es einige. Aber in solchen Enthüllungsbüchern liest man nicht, dass dauernd Handys klingeln, Dessous-Einkäufe im Internet-Erotikversand glücklich machen oder eine Einladung zu einer Promiveranstaltung noch lange in Erinnerung bleibt. Solche Events gehören für Sexdienerinnen dieser Kategorie zum Alltag. Auch weil sie einen Stil haben, der Betuchte und Bekannte anzieht. Nicht dass ich der Meinung bin, in den Promihimmel Aufgestiegene hätten automatisch mehr Stil als Otto Normalverbraucher. Aber sie erwarten es. Und wem es an Stil mangelt, muss eben Stilkunde oder gehobene Schauspielkunst lernen. Dieser Wunsch scheint bei Cleo nur schwach verankert zu sein. Zu dieser Einschätzung komme ich jedenfalls, nachdem ich in ihren Tagebucheintragungen schmökern durfte, die ein Herr Ricardo Enrique aufgeschrieben hat.
Wie auch immer die Zusammenarbeit der beiden war, über Psychologisches haben sie sich kaum unterhalten. Und so erstaunt es wenig, dass wir die üblichen Schandtaten hören, zu denen ein temporärer Überschuss von Testosteron führen kann. Ich wunderte mich nur, dass eine Edelhure die meisten Spiele mitmacht, hat sich doch gute Karten in der Hand, um Angebot und Nachfrage zu steuern. Cleo schreibt zu Beginn, dass sie total glücklich, erfüllt und unabhängig sei, seit sie diesen Beruf ausübe. Das mag so sein. Nur kommt es in ihren Geschichten nicht rüber. Wie sie viele ihrer Kunden beschreibt, deutet nicht unbedingt auf den Respekt hin, den Cleo auch für ihre eigene Person einfordert.
Mein Fazit: Cleo und Ricardo Enrique mögen es mir verzeihen, dass ich ihren Geschichten nicht die Aufmerksamkeit geschenkt habe, die sie sich erhofften. Dazu fehlte es ihnen an Stil, Stimmigkeit und letztlich sogar an Erotik. Insiderbericht vielleicht, aber nicht aus dem Kreis einer Illusionistin auf höchstem Niveau. Sollte Cleo später einmal von ihren Erfahrungen als Betriebswirtin und Managerin berichten, bin ich jedenfalls vorgewarnt.