Wie lernt man, gute Weine von schlechten zu unterscheiden? Und wie lernt man dann, die wesentlichen Unterschiede zwischen den guten Weinen zu entdecken? Indem man die größtmögliche Anzahl von Weinen probiert und diese miteinander vergleicht. Wie lernt man, gute Mahler-Aufführungen von schlechten zu unterscheiden? Und wie lernt man dann, die wesentlichen Unterschiede zwischen den guten Mahler-Aufführungen zu entdecken? Indem man sich die größtmögliche Anzahl von Mahler-Aufführungen anhört und diese miteinander vergleicht. Daß heutzutage Claudio Abbado als großer Mahler-Dirigent betrachtet wird, spricht nicht für Abbado, sondern zeigt nur, wie oberflächlich, auch und gerade bei sogenannten Musikkritikern, Musik gehört wird. Wahrscheinlich sogar, ohne die Partituren zu kennen. Anders ist Abbados Ruf als Mahler-Dirigent nicht erklärbar.
Die Lucerner Aufnahme der 3. Sinfonie ist bestenfalls Durchschnitt - sowohl was die Qualität des Orchesters wie auch die Qualität des Dirigats angeht. Beginnen wir mit dem Orchester. Das Lucerne Festival Orchestra (LFO), deren Kern das Mahler Chamber Orchestra bildet, ist trotz seiner prominenten Mitglieder nicht in der Lage (jedenfalls nicht unter Abbado), den typisch Mahlerschen Klangkosmos zu realisieren. Nun stellt die 3. Sinfonie besondere Probleme, insofern es sich um die buntscheckigste der neun Sinfonien handelt. Vor allem der erste Satz sprengt alle Grenzen, was den guten Ton betrifft. Mahler selbst war ja überrascht, wie "verrückt" er hier komponiert hat. Im ersten Satz treffen brutale, vulgäre Marschabschnitte auf einsame Posaunensoli, heftige Blechbäsereruptionen auf liebliche, harfenumspielte Melodien usw. Es ist das Prinzip der extremem Zuspitzung, das herrscht. Und das LFO? Macht diese unglaubliche Musik zu einem Klangbrei, zu einem farblosen Grau-in-Grau, in dem alle Kontraste glattgebügelt werden. Die Holzbläser bleiben meistens unauffällig im Hintergrund, obwohl sie gerade hier die ganze Bandbreite vom zarten Säuseln bis zur schrillen Groteske zeigen könnten. Das Blech ist VIEL zu harmlos und zahm. Schon die einleitende Hornfanfare ist nicht ff und "Kräftig. Entschieden", wie Mahler fordert, sondern mf und lasch. Wo ist die viszerale Kraft der Posaunen und der Tuba? Nur die erste Trompete hat eine gewisse Durchschlagskraft, was aber die Sache nur schlimmer macht. Was soll das: Mahler setzt insgesamt 19 Blechbläser ein und nur die erste Trompete hat Power?! Auch das Schlagzeug klingt bemitleidenswert altersschwach. Vor allem Große Trommel und Tam-Tam sind über weite Strecken abwesend. Die Streicher sind nicht schlecht, doch nicht so geschlossen und klangschön wie die Streichergruppen der großen regulären Orchester.
Kommen wir zu Abbado. Seine Fehler und Mißdeutungen sind zahlreich. Ich beschränke mich auf die ersten Seiten der Sinfonie. Dem Leser sei versichert, daß der Rest der Sinfonie nicht besser ist.
Die Hörner, wie gesagt, sind saft- und kraftlos. Rhythmisch ist man unpräzise (vgl. etwa die verkürzte ganze Note der Großen Trommel drei Takte vor Ziffer 2). Die Holzbläser sind nicht schrill genug. Die beiden Paukenhiebe 3 Takte nach Ziffer 3 bzw. 1 Takt vor Ziffer 4 sind gleich laut, aber weder ff noch gar fff. Die Sechzehntel- und Zweiunddreißigstelläufe in den Streichen sind nicht wie von Mahler gefordert "wild". Wo ist das wichtige sfp des vierten und siebten Horns in Takt 124? Wo ist das gewalttätige sf der ersten Pauke in Takt 152? Das erste Posauenensolo (Ziffer 13-16) ist VIEL zu sanft und schön. Mahler fordert ff und "Trichter in die Höhe"! Der anschließende Blechbläser- und Schlagzeugtumult ist kein Tumult, also wieder: viel zu harmlos (besonders abenteuerlich: das absente Tam-Tam bei Ziffer 17).
Besonders lausig gelingt später das eigentlich atemberaubende, stürmische und absichtlich lärmende Ende der Durchführung (Ziffer 51-54). Zunächst zahlt sich nicht aus, daß Abbado hier in Halben dirigiert, obwohl Mahler ausdrücklich fordert "doch nicht alla breve". Dadurch wird das Tempo so schnell, daß der Paukist seine penibel notierten Crescendi und Decrescendi nicht mehr sauber ausführen und nur noch Akzente spielen kann. Außerdem fehlt jede Aggresivität und vertikale Strukturierung. Und wieder: wo sind Tam-Tam und tiefes Schlagzeug?
Ich breche an der Stelle ab, könnte aber endlos fortfahren. Wenn nur manchmal etwas nicht stimmen würde, wäre alles halb so schlimm. Aber Abbados Halbherzigkeiten summieren sich sehr schnell, so daß der, der das Werk sehr gut kennt, nach spätestens 15 Minuten genervt ist.
Gibt es Pluspunkte? Anna Larson ist vortrefflich, aber nicht exorbitant, der Arnold-Schönberg-Chor ebenfalls. Ton und Bild sind tadellos.
Wer seinen Mahler musikalisch kastriert haben will und dessen gigantische 3. Sinfonie in einer wirklich stromlinienförmig-undifferenzierten Aufführung, sollte hier zugreifen. Allen anderen, denjenigen, die den wahren Mahler lieben und verehren bzw. die 3. Sinfonie in einer exemplarischen Aufführung erleben wollen, empfehle ich folgende Aufnahmen:
Takashi Asahina/Osaka Philharmonic Orchestra (Canyon)
Semyon Bychkov/WDR-Sinfonieorchester (Avie)
Riccardo Chailly/Concertgebouw Orkest (Decca)
Eliahu Inbal/RSO Frankfurt (Brillant)
Jascha Horenstein/London Symphony Orchestra (Unicorn)
Armin Jordan/Orchestre de la Suisse Romande (Fnac)
Herbert Kegel/Dresdner Philharmoniker (Weitblick)
Heinz Rögner/RSO Berlin (Berlin Classics)