Endlich eine Kollektion von Chabrol-Filmen, die sorgfältig produziert und technisch solide ist und dazu viele schöne Extras bietet - ganz im Unterschied zu manch anderer, lieblos zusammengestellter Chabrol-Box!
Die Sammlung enthält vier Filme von Claude Chabrol aus den Jahren 1988 bis 1994 und nennt sich im Untertitel nicht ganz zutreffend "Seine großen Frauenfilme". (Warum eigentlich? Chabrol bringt ja in fast allen seinen Filmen die Frauen zu maximaler Wirkung, aber zumindest in "Die Hölle" konzentriert er sich ganz auf den männlichen Hauptdarsteller.)
"Die Hölle" ist ein beklemmendes Psychogramm einer Ehe, die an der pathologischen Eifersucht des Mannes zugrunde geht. Eine klinische Fallstudie, in der Chabrol alle Lügen straft, die ihm Distanziertheit zu seinen Figuren vorwerfen. Selten war ein Film von ihm so abgründig und emotional so anstrengend, selten ist er auch in der visuellen Umsetzung tiefer in das Innenleben seiner Figuren gedrungen.
Ebenfalls ins Psychopathologische gleitet "Betty", die Studie einer psychisch labilen, alkoholkranken Frau (Marie Trintignant), die offensichtlich nicht anders kann, als die zu verletzen, die ihr wohl gesinnt sind. Basierend auf der literarischen Vorlage von Georges Simenon gibt es auch ein erfreuliches Wiedersehen mit Stéphane Audran.
In den Bereich der Literaturverfilmung begibt sich Chabrol mit "Madame Bovary" und bleibt extrem nahe an der literarischen Vorlage. Ein Film, den die Befindlichkeiten seiner Figuren mehr interessiert als leere Äußerlichkeiten. Chabrol bemüht sich auch um eine Visualisierung der spezifischen Ironie von Flauberts Roman, die leider dennoch etwas zu kurz kommt. Im Ganzen aber sicher eine der besten und authentischesten Literaturverfilmungen aller Zeiten.
"Eine Frauensache" ist der unglamouröseste Film dieser Sammlung. Ein nüchternes, in Brauntönen gehaltenes Kammerspiel über Marie, die während des 2. Weltkrieges versucht, ihr karges Einkommen mit illegalen Abtreibungen aufzubessern. Wie Madame Bovary scheitert sie auf ihrer Suche nach dem besseren Leben. Chabrol filmt einfach und hält sich fast dokumentarisch zurück - ein wohl notwendiger Kunstgriff, um die Ungeheuerlichkeit der Handlung aushalten zu können. Isabelle Huppert, 1988 in Venedig ausgezeichnet, in einer ihrer sehenswertesten Rollen. Ein großer "kleiner" Film.
Zu den Filmen, die in Deutsch und Französisch (mit ausblendbaren deutschen Untertiteln) angeboten werden, gibt es in dieser Edition noch eine Reihe von Extras. Besonders interessant: Claude Chabrol kommentiert und erläutert einige Szenen aus jedem dieser Filme (ebenfalls deutsch untertitelt). Außerdem : jeweils eine Filmpräsentation, die Kinotrailer, einige Interviews (z.B. mit Mme. Huppert) usw.
Insgesamt also eine durchaus erfreuliche Ausgabe von vier Filmen, die - obwohl sie höchstens 20 Jahre alt sind - bereits als Klassiker gelten können.