Ok, als klassisch ausgebildeter Musiker hatte (und habe ich immer noch) nicht unerhebliche Vorbehalte gegenüber Vanessa Mae. Der Erstkauf einer CD von ihr vermag das eher zu bestätigen, ist sie doch eine Geigerin (nicht: Violinistin!), die sich stilistische Unmöglichkeiten wie den übermäßigen Gebrauch von Portamenti erlaubt.
Um es dem der fachterminologischen Sprache unkenntlichen Leser zu erklären:
Portamento (Singular) bedeutet in der Sprache der Musiker das "Ziehen" eines Tones bei Streichern durch Rutschen des Fingers von einem zum anderen Ton. Das ist soweit in Ordnung, wenn es ein-, höchstens zweimal pro Stück angewandt wird (sofern nicht vom Komponisten anders vorgeschrieben).
Vanessa Mae allerdings erhebt dieses Stilmittel zum Programm, wofür sie von mir mindestens schon mal einen Punktabzug bekommt.
An dieser Stelle muß ich mich jetzt outen:
Ich bin ein wahnsinnig großer Eiskunstlauf-Fan. Meine absolute Favoritin der letzten Jahre ist eine japanische Läuferin namens Shizuka Arakawa. Diese Ausnahmesportlerin wurde völlig überraschend im Jahre 2004 Weltmeisterin und 2006 völlig verdient Olympiasiegerin in der Disziplin im Damen-Einzellauf, beide Male auf die Musik der Violin-Fantasie auf Themen von Puccinis "Turandot", die dieser CD entstammt.
So war es für mich also eher eine Pflicht, diese CD zu kaufen, denn eine Kür.
Aber:
Das erste Stück dieser Aufnahme ist die Einspielung eines Ende der 50er Jahre von zwei chinesischen Komponisten (2?, wie kurios!) geschriebenen Violinkonzerts mit dem Beinamen "Butterfly Lovers Violin Concerto", das inhaltlich auf eine uralte chinesische Legende zurückgeht, deren Inhalt ich mir wiederzugeben untersage.
Es mag sein, daß Violinisten eines anderen Schlages dieses Werk anders und besser spielen als Vanessa Mae, aber ich muß konzedieren: Sie macht es wirklich hübsch. Diese Aufnahme hat etwas so zauberhaft-anrührendes an sich, dem selbst mein klassisch ausgebildeter Geschmack sich nicht entziehen kann.
Das zweite Stück dieser CD, die Violin-Fantasie über Themen aus "Turandot", kommt rein äußerlich im Gewande eines Virtuosenstücks des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts daher. Man vermeint FAST die Transkription eines Fritz Kreisler zu vernehmen, aber der erste Eindruck täuscht. Es sind einige wenige Themen der Oper, die verarbeitet sind, Vanessa Mae begeht hier den nahezu unverzeihlichen Fehler, sich als Virtuosin (die sie nicht ist) darstellen zu wollen, der übermäßige Gebrauch von Portamenti (s.o.) trübt das Bild zusätzlich ein. Dennoch ist das ganze Stück größtenteils nett gemacht, wenngleich ich möglicherweise nicht objektiv zu sein in der Lage bin (erwähnte ich bereits Shizuka Arakawa?)
Das letzte Werk der vorliegenden CD ist eine Ouverture mit dem Namen "Happy Valley", geschrieben auf die Wiedereingliederung der bis dato englischen Kolonie Hongkong 1997 ins Reich der Mitte. Dieses kleine Werk, das übrigens tatsächlich an jenem geschichtsträchtigen Tag in Hongkong aufgeführt wurde, bewegt sich irgendwo zwischen "Folk" und "Pop goes Classic". Nachdem ich es einige Male gehört habe, kann ich mich seiner ursprünglichen Frische nicht mehr entziehen, der von einem chinesischen Mädchen(?)chor gesungene Text trägt sein Übriges dazu bei.
Unterm Strich:
Man muß sich auf die gewöhnungsbedürftige Art des Spiels Vanessa Maes einlassen. Wenn man diesen Schritt nicht nur gewagt, sondern auch getan hat, wird einem diese CD langsam aber sicher ans Herz wachsen, und da gehört Musik, egal von wem sie kommt oder gemacht ist, auch schließlich hin!