Auch wenn das aktuellere Album Novembrine Waltz mir nicht ganz so gut gefallen hat, so habe ich doch Lust auf mehr bekommen und mir den vorangegangenen Release Classica zugelegt. Ich muss vorweg sagen, dass mir beim ersten Hören nicht gerade die Kinnlade heruntergeklappt ist, auch wenn man sofort ein enormes Potenzial spüren kann. Nach jedem Durchlauf wurden das Staunen und die Begeisterung dann jedoch immer größer. Was die Jungs aus Rom hiermit produziert haben, ist eindeutig ein astreines Düstermetal-Album, das mitzureißen weiß. Vor Allem wenn man sich mit der Zeit in die Lyrics hineingelesen hat, den Zusammenhang zwischen den Songs erkennt und alles zusammen betrachtet, ist man häufig begeistert davon, wie fesselnd Novembre das Kriegsmotiv in seinen verschiedenen Situationen klanglich umsetzen. Da reißt der recht harte, pralle Opener „Cold Blue Steel" den Hörer mitten aufs Schlachtfeld und lässt ihn die Gefühle des Soldaten miterleben, da zieht ihn das genial trostlose Hauptriff des eher ruhigen „Nostalgiaplatz" mit seinem depressiven Charakter total herunter, „L'Epoque Noire" zerrt ihn in einen Albtraum von einer schlimmen Zukunft der Menschheit, während ein treibender Part im absolut genialen „Onirica East" eine Flucht so akkurat umsetzt, dass einem unweigerlich ein kalter Schauer über den Rücken fährt; später im Song trifft man auf den einzigen Part mit italienischen Lyrics und den vielleicht atmosphärischsten im ganzen Album.
Harte Riffs, begleitet von den aggressiven, relativ hohen Growls von Frontmann Carmelo Orlando (die klagenden Schreie können den Hörer stellenweise richtig fertigmachen) werden nicht selten von ruhigen, cleanen Passagen aufgelockert, welche sehr melodisch ausgefallen sind. Dabei ist der Gesang sehr unaufdringlich, eher tief und manchmal etwas undeutlich, was aber viel weniger schwer negativ ins Gewicht fällt als im Nachfolger-Album Novembrine Waltz, denn bei Classica fügen sich die Vocals perfekt in die musikalische Untermalung ein und lassen ein Bild des beschriebenen Geschehens vor dem geistigen Auge des Hörers entstehen. Die Songs sind untereinander übrigens sehr unterschiedlich ausgefallen, Langeweile kommt selbst bei öfter wiederholten Riffs niemals auf. Ein paar Tracks leben ausschließlich von Härte, während andere sich eher auf die ruhigere Seite der Band konzentrieren; meist herrscht ein gesunder Mittelgrad beider Extreme. Auch ein Instrumental ist enthalten; dieses ist nicht wie so oft komplett ruhig, sondern enthält am Anfang und am Ende jeweils einen härteren Part und fügt sich ebenfalls wunderbar ins Gesamtbild ein. Auf Dauer faszinierend sind auch erkennbare Parallelen zwischen einigen Songs, die inhaltliche Zusammenhänge deutlich machen - beispielsweise beginnen „Tales From A Winter To Come" und „Winter 1941" gleich und das Outro wiederholt einen Textteil aus eben genanntem „Tales...".
Im direkten Vergleich mit Novembrine Waltz ist übrigens auffällig, dass Classica einen deutlich dichteren Sound aufweist und auch kräftigere Gitarren zu bieten hat. Dies mag an dem etwas anderen Line-Up liegen: bei Classica sind beispielsweise zwei reguläre Gitarristen in der Band, während im Nachfolger nur noch einer am Werke ist, der gelegentlich unterstützt wird. Auch in punkto Langzeitmotivation hat Classica ganz klar die Nase vorn, sein Nachfolger ist sehr häufig langatmig und wirkt etwas unausgereift. Novembre zählt jetzt auf jeden Fall zu meinen Lieblingsbands, ich finde es nur schade dass Classica ihr einziges wirklich gutes Album zu sein scheint. Aber allein für dieses Meisterwerk hat sich das Ganze gelohnt, und dass ein enormes Potenzial in der Band steckt, sollte niemand mehr abstreiten können. Besonders löblich finde ich, dass Novembre es auch ohne allzu komplexe Riffs und auch bei gelegentlichen Wiederholungen schaffen, ihrer Progressivität Geltung zu verleihen und den Zuhörer vor Allem durch die fesselnde Atmosphäre, die sie erzeugen, begeistern können. Sicher erreichen sie nicht die Verspieltheit ihrer Kollegen von Opeth, aber das ist auch nicht nötig, denn trotzdem ist die Faszination der Musik mindestens genauso groß. Die 50 Minuten Spielzeit gehen jedes Mal wie im Fluge vorbei, was allerdings nicht weiter schlimm ist, da die Platte auch nach etlichen Durchläufen nicht verbraucht ist, sondern immer wieder zu einer knappen Stunde absoluter emotionaler Loslösung von der Realität einlädt. Hinzu kommt noch das sehr schöne Cover, das zwar auf den ersten Blick nicht ganz zum Thema des Albums passt, aber ganz sicher ansehnlich und farblich auch dem Stil der Band entsprechend ist.
Anspieltipps zu geben ist nicht ganz so einfach, da die Songs erst im Gesamtzusammenhang ihr ganzes Potenzial entfalten. Es wäre aber dennoch den Versuch wert, in „Cold Blue Steel", „Love Story" und besonders in „Onirica East" reinzuhören. Angenehme Träume!
Klangqualität: 10/10
Eingängigkeit: 6/10
Innovation: 9/10
Wiederspielwert: 9,5/10
Stimmigkeit: 10/10
----------------------------
Kaufempfehlung: 9,5/10