Gibt es das Mörder-Gen? Und wenn ja, überspringt es am Ende eine Generation? Zugegeben, dies sind ziemlich alberne Fragen, aber Detective Vincent LaMarca (Robert De Niro) sind sie ein tief im Fleisch steckender Dorn geworden. Als er acht Jahre alt war, wurde sein Vater wegen Mordes verhaftet und hingerichtet. Der alte LaMarca hatte ein Baby entführt, das er unvorsichtigerweise mit einer Decke auf den Rücksitz seines Wagens legte, wo es erstickte. Der damals mit dem Fall beauftragte Detective nahm Vincent unter seine Fittiche und ebnete ihm später den Weg zu einer Polizeikarriere, und - wie um die Schuld seines Vaters zu sühnen - Vincent investierte all seine Zeit und Energie in seinen Beruf, was ihn zu einem der besten Ermittler New Yorks machte.
Aber auch zu einem einsamen Mann, denn seine Ehe ging über seine Fixiertheit auf seinen Beruf in die Brüche, und schließlich zog er nach New York und ließ seine Frau und seinen Sohn in der sterbenden Stadt Long Beach - auf Long Island - zurück. Während seine Ex-Frau ihn inbrünstig haßt und sein erwachsener Sohn Joey (James Franco) immer mehr in einen Strudel aus Drogensucht und Kleinkriminalität gerät, lebt LaMarca in New York in einem kleinen Apartment und verbringt die Nächte in aller Regel bei seiner Nachbarin Michelle (Frances McDormand), die er allerdings kaum an seinem Leben teilhaben läßt. Eines Tages nun muß Vincent in einem Mord an einem Dealer ermitteln, der allem Anschein nach von seinem Sohn begangen wurde, und da es nun auch noch Spyder, der Hintermann des Toten, (William Forsythe) auf Joey und seine Geliebte Gina (Eliza Dushku) sowie deren kleinen Sohn Angelo abgesehen hat, findet sich Vincent plötzlich mit der Existenz eines Enkels konfrontiert, den man ihm bislang verschwiegen hatte. Zudem scheint es ganz so, als müsse er sich entscheiden zwischen der Option, seine Pflicht zu tun, und der Möglichkeit, seinem Sohn zu helfen.
Dieser kurze Überblick mag genügen um zu zeigen, daß es sich bei "City by the Sea" (2002) von Michael Caton-Jones nicht um einen vordergründigen Thriller, sondern um ein emotionsgeladenes Drama handelt. Knallharte und temporeiche Action findet man hier kaum, aber dafür fiebert man mit dem etwas aus dem Leim geratenen Detective mit dem unsäglichen 80er-Jahre-Haarschnitt mit, der immer mehr den verdrängten Gespenstern seiner Vergangenheit und mit neuer emotionaler Verantwortung ausgeliefert ist. Wie wird sich LaMarca am Ende entscheiden? Wird er für seinen Sohn einstehen und sich um seinen Enkel kümmern, oder versteckt er sich weiterhin hinter seiner Dienstmarke? "City by the Sea" gibt - so viel sei an dieser Stelle immerhin verraten - keine eindeutige, herz-schmerz-trächtige Antwort auf diese Frage.
Als Thriller fällt dieser Film sicherlich in vielen Punkten durch. So ist Spyder in vielen Szenen wirklich ein ziemlich dämlicher Killer, der seinen Opfern immer wieder Möglichkeiten gibt, zu entkommen, und auch er ist mit der schmierigen Patina der achtziger Jahre überzogen und wirkt ungefähr so gefährlich wie ein dicklicher, vierzigjähriger Fußballtrainer der Regionalklasse. Außerdem widmet der Film einen großen Teil seiner ca. 110 Minuten eher dem desolaten Privatleben Vincents als dem Fall selbst.
Als Drama jedoch weiß dieser Film durchaus zu überzeugen. Erst nach und nach schälen sich die Ängste und Minderwertigkeitsgefühle, die Scham und der Grund für Vincents Kontaktscheu aus den Dialogen heraus. Zudem sind die Schauplätze des Filmes von beeindruckender Symbolträchtigkeit. Der Film beginnt mit einer Strandszene im Long Beach der fünfziger Jahre: Überall sind Touristen, es herrscht reges Treiben, und das Ganze wird von entspannter Musik untermalt, und dann sehen wir die Trabantenstadt der Gegenwart. Leere Straßen, leere Häuser, vernagelte Fenster, heruntergekommene Läden und ein schlaksiger, offenbar unter Entzug leidender Joey, der den spärlichen Passanten verzweifelt seine Gitarre andrehen will. Long Beach gestern und heute ist auch Vincent LaMarca vor und nach dem Sündenfall seines Vaters. Das New York, in das Vincent geflohen ist, ist da schon anders. Belebt und beleuchtet sind die Straßen, Menschen allenthalben, er holt seine Freundin vom Kino ab, man flirtet recht witzig und macht sich einen netten Abend. Und doch ist dieses New York eine Stadt der Ein-Personen-Apartments, ein jeder schläft irgendwann allein ein, und Familien sieht man keine. Das ist die Welt Vincent LaMarcas, und alle Bemühungen Michelles, daran etwas zu ändern, scheitern an der künstlichen Blindheit ihres Geliebten. So beschwört dieser Top-Cop Gina, nicht davonzulaufen, keine Drogen zu nehmen, sondern sich um den kleinen Angelo zu kümmern, doch als sie seine Mahnungen in den Wind schlägt, gibt Vincent seinen Enkel an die Fürsorge ab - ein herzzerreißendes Bild, wie der kleine Junge hinten im Auto sitzt und verzweifelt in Tränen ausbricht, als der Wagen ihn aus Vincents Leben fährt.
Aber es gibt auch leisere, versöhnliche Symbole wie etwa die mächtigen Brücken, die immer wieder den Hintergrund - so etwa auch in der Szene, in der die Leiche des Dealers von der Polizei untersucht wird und der ganze Fall seinen Anfang nimmt - überspannen. Und das Ende findet Vince und den kleinen Angelo denn auch just an dem Strand wieder, an dem der Film seinen Anfang genommen hat. Sie beide sind die einzigen dort, sie sind zusammen, und sie warten ...
Wer einem Drama mit Thrillerelementen etwas abgewinnen kann, ist mit "City by the Sea" sicher gut bedient. 4,5 Sterne.