FILM: "Cidade de Deus" (nur die Deutschen schaffen es mal wieder, Portugiesisch nach Englisch statt in die Muttersprache zu übersetzen) ist ein Armutsviertel von Rio de Janeiro, eine Favela. Der brasilianische Film erzählt von der Armut, den Drogen und den Kriegen der Dealer um die Beherrschung der Absatzmärkte - Stadtviertel um Stadtviertel. Es besteht ein Teufelskreis aus Armut, Gewalt und Gegengewalt, aus dem auch die Kinder, die sich bemühen, nicht entkommen können. Die Situation ist aussichtslos und der Kampf sinnlos, doch niemand kann sich ihm entziehen - spätestens wenn Familienmitglieder erschossen werden, ist man dabei. Bei Ausbeutung zu Sklavenlöhnen zahlt sich Ehrlichkeit nicht aus, es gilt nur noch das Recht des Stärkeren. Die Handlung selbst verfolgt den Lebensweg zweier kleiner Jungen, von denen der eine zum dominierenden und absolut hemmungslosen Dealer der Stadt aufsteigt, während der andere gern Fotograf werden möchte. Der Film fulminiert im Bandenkrieg um das letzte Stadtviertel, den der eine fotografisch dokumentiert.
DOKUMENTATION (war auf meiner engl. Ausgabe auf der gleichen DVD, ist hier evtl. nur bei der 2-DVD-Ausgabe enthalten):
Die Dokumentation ist mindestens so interessant wie der Film. Während im Film die Bandenkriege untereinander im Mittelpunkt stehen, ist es in der Doku die korrupte Polizei. Das Filmteam ist dazu in die Favelas gegangen und hat von der Polizei bis zu den Dealern alle Betroffenen interviewt. Die Beiträge sind exzellent, aus erster Hand erfährt man hier die Hintergründe - und auch, dass der Film zu 100% realitätsgetreu ist (Teile des Films sind an realen Drogenkarrieren orientiert). Die Dokumentation ist so waffenstarrend, dass Rambo und Schwarzenegger wohl nur noch neidisch gucken können.
Drogenhandel und der eng damit zusammenhängende Waffenhandel sind feste Bestandteile dieses Systems: Mit den (in der Produktion lächerlich günstigen) Drogen greift das System wie mit einer Art Steuer Geldmittel ab, und mit (zum Teil von der korrupten Polizei selbst gelieferten) Waffen wird ein Bürgerkrieg mit den Dealern erzeugt, der ganze Stadtviertel terrorisiert und jede Terrormaßnahme seitens des Systems rechtfertigt. Da Waffen und Drogen gleichzeitig vom System gefördert und verfolgt werden, ist der Kampf gegen Drogen und Terror willkürlich und ohne Aussicht auf Erfolg, ein "Ewiger Krieg" wie ihn George Orwell vorhersagte. Dieser global veranstaltete Krieg ermöglicht nicht nur die dauerhafte Überwachung und Bekämpfung aller Völker, sondern er pumpt auch noch Unmengen Geld von unten nach oben in die Kassen der Organisierten Kriminalität, die mit der Politik an einem Tisch sitzt, ja die sogar die Politiker aussuchen kann, denn es wird ja nicht jeder einfach so zur Wahl aufgestellt.
Mich persönlich faszinieren solche Dritte Welt-Filme, weil diese Zustände ziemlich genau so sind, wie ich sie mir in der Neuen Weltordnung vorstelle und wie wir sie wahrscheinlich innerhalb der nächsten Generation auch in einigen deutschen Städten erwarten dürfen. Wir haben bereits heute "No-go-areas", nur dass hier die Deutschen und ihre Polizei nicht erwünscht sind. Hier müssen sich die Jugendbanden nur noch besser bewaffnen, was - siehe Rest der Welt - bei entsprechenden Profiten kein Problem darstellen sollte. Wenn dann der Sozialstaat an seinen Schulden kollabiert und der Hunger kommt, braucht es wahrscheinlich nur wenige Wochen zur Umstellung. Es ist ja nicht gerade so, dass die Dritte Welt zu westlichen Standards aufsteigt, sondern eher umgekehrt - Deutschland entwickelt Zustände der Dritten Welt mit radikaler Kapitalkonzentration und einer Kapital-Elite, die mit Scheindemokratie und totalitären Strukturen das Land beherrscht. Für Hoffnungslosigkeit und Frustration gibt es dann einen Ausweg: Drogen.
ZITATE
Aus dem erstaunlich offenen Interview mit Helio Luz, dem Polizeichef
* "Es ist eine politische Polizei. Wir haben eine ungerechte Gesellschaft, und wir sind hier, um diese ungerechte Gesellschaft zu beschützen."
* "Beschwer dich nicht, zahl deine Steuern. Die Leute sind daran gewöhnt. Die Armen haben Fernseher und sind damit beschäftigt. Sie sind dumm."
* "Die Gesellschaft will eine korrupte Polizei" (er hätte es mit einer ehrlichen Truppe versucht, wurde dann aber in den höheren Kreisen nicht mehr eingeladen)
"Die Polizei ist korrupt. Diese Institution wurde geschaffen, um gewalttätig und korrupt zu sein, weil sie den Staat und die Elite beschützen soll. Wie kriegen Sie Millionen Arme und Ärmste unter Kontrolle?" - (Reporter) "Durch Unterdrückung?" - "Ja, nur damit."
* (Eine Favela-Bewohnerin) "Sometimes, cops don't come to arrest. They come to kill."
* (Ein Polizist) "Wenn ich nach einem harten Tag nachhause komme und vielleicht einen Menschen erschießen musste, brauche ich das meiner Familie nicht zu erzählen. Es interessiert sie nicht mehr."
NACHRICHT aus Swissinfo.org vom 20.7.: "Polizei von Rio de Janeiro erschoss seit Jahresbeginn 652 Menschen" - das sind 4 pro Tag in einer einzigen Stadt.