Was für ein Buch! Chuck Palahniuk meets Strange Days meets Internet in Berlin durch eine Bratislava-Lupe. Der in der Slowakei angeblich erfolgreichste Roman nach Harry Potter erzählt die schräge Reise des internet (-und Pornographie-) abhängigen Irvin in das dunkle Herz Berlins (und sein eigenes). Während eines wochenlangen Stromausfalls mausert er sich schließlich zu einer Art Prophet und führt die Menschen in eine (sexuelle) Revolution.
CITY verbeisst sich auf eine schräge, übertriebene und doch faszinierende Weise in den Abhängigkeiten, die jeder Internet-Junkie mit halbschlechtem Gewissen verspürt (und das ist praktisch jeder mit Internetzugang, ob es nun Pornographie ist oder Chatgroups oder Film-Sites oder sonstwas). Daß das Internet und seine Reize stellenweise um einiges realer werden können als konkrete Menschen um uns herum, trifft Hvorecky voll. Er denkt es nur radikal weiter, in den Bereich von Internetsüchten hinein, die einen echten Cold Turkey brauchen, um sie hinauszuspülen. Das hat übrigens einer der amazon-Rezensenten nicht kapiert, der ständig von "unglaubwürdig" spricht. Ähm... die Geschichte soll keine 1:1-Abbildung der Wirklichkeit sein.
Was Hvorecky erstaunlich gut gelingt, ist die Stimme des Ich-Erzählers (von dem jeder Leser natürlich brennend gerne wissen will, was davon erlebt ist und was nicht). Er ist, wer er ist, und wenn die Berliner Groteske vorbei ist,
(VORSICHT SPOLIER!!!),
ist er nicht in einem Happy End mit seiner Erika vereint und zeugt vierundwanzig kleine Irvins in einer Reihenhaussiedlung, sondern muß wieder auf die Walz.
(SPOILER ENDE!)
Natürlich spürt man Einflüsse. Ich persönlich rieche Palahniuk und Bret Easton Ellis und ab der zweiten Hälfte hat die Geschichte eindeutig tiefe Shades von Fight Club. Überhaupt scheinen mir hier zwei Geschichten in einer zu stecken -
1) erstens der eher normale Anfang bis zum Entzugskrampf bei Erika(Hvorecky MUSS einmal einen Reiseroman schreiben, ich würde gerne einfach ein ganzes Buch nur über das erste Kapitel lesen, da ist ein unglaubliches Potential, Kerouac, Burroughs und lauter andere)
2) die ganze Stromausfall-cum-Fightclub-cum-Lehrer-kehrt-zurück-Story - ich habe ständig erwartet, daß unser Held am Ende entdeckt, daß er das alles nur im Entzugswahn geträumt hat... hat er das vielleicht? ist er noch im Entzug, als sich die letzte Seite aufblättert?
Trotzdem hält der konsequente Charakter des Ich-Erzählers die Narration glaubwürdig zusammen, so sehr es auch zwei Teile sind.
Warnung: nicht für zartbesaitete Seelen es geht sehr direkt um Internetpornographie, stellenweise herrscht eine überkrasse Sprache, und Pädophilie klatscht uns so nebenbei auch ins Gesicht... aber gleichzeitig ist CITY so skurril und leicht, dass man all das nie ganz ernst nehmen kann.