Nicht oft gelingt Musikern ein solcher Wurf wie dieses Album. 1975, als der alte Prog-Rock gerade (noch)sehr in Mode war, schufen die Quebecois "Harmonium" mit diesem Liederzyklus ihr meistverkauftes und sicherlich auch bestes Werk. Zum Vorbild nahmen sie sich dabei wohl andere Bands des Genres (Yes, Genesis, Jethro Tull, King Crimson), entwickelten jedoch ihren völlig eigenen Stil, der weniger rocklastig oder jazzig ist als der Sound der Briten.
Die Grundstimmung des Albums hier ist überaus freundlich, entspannt und "weich", wird dabei aber niemals kitschig (keine Streicher o. ä.). Stattdessen ist der Sound sehr Folk-ähnlich aufgebaut: Akustikgitarren bilden das Grundgerüst, darüber verspielte Flöten/Klarinette/Sopransaxophon
etc., ein wenig Bass, kein Schlagzeug. Nimmt man dazu noch die helle, angenehme Stimme des Sängers, ergibt sich ein sehr natürliches Klangbild, weitgehend ohne elektrische Instrumente; nur gelegentlich kommt ein Mellotron zum Einsatz.
Zum Aufbau des Albums: Die ersten 4 Lieder, alle zwischen 3 und 10 Minuten lang, präsentieren der Reihe nach die 4 Jahreszeiten:
Vert (Frühling): verspielte Flöten, Akustikgitarren, "Aufwachstimmung", als würde man die Müdigkeit abschütteln wollen. Herrlicher Gesang.
Dixie (Sommer): Flotter, fröhlicher Rhytmus, virtuose Gitarren, ausgeflippte Klarinetten. Erinnert mit seiner ausgelassenen Stimmung sehr an Dixieland-Jazz.
Depuis L'Automne (Herbst): Schwere, drückende Stimmung zu Beginn. Etwas traurige Klänge, die sich aber allmählich auflockern. Lange Instumentalpassagen, sehr ruhige Stimmung. Überaus entspannt. Zahlreiche unterschiedliche Themen, gespielt von einer Vielzahl an Instrumenten, wobei sich das Anfangsthema gegen Ende wiederholt. Dauer 10 Minuten.
En Pleine Face (Winter): Entspanntes, aufbauendes Lied. Fühlt sich ein wenig an, als würde die Sonne langsam aufgehen. Fröhlicher, als man es dem Winter zutrauen würde.
Es folgt schließlich da Hauptstück des Albums, das über 17 Minuten lange
"Histoire Sans Paroles": Wie der Name bereits anklingen lässt, handelt es sich dabei um ein Instrumentalstück, nur gelegentlich wird gesummt. Wieder eine Vielzahl aufeinanderfolgender Melodien, gespielt von allen möglichen Holzblas- und Kammermusikinstrumenten, immer mit Gitarrenbegleitung. Herrlich und jede Sekunde wert, hat man sich erst einmal eingehört.
Fazit:
Was "Close To The Edge" für den Prog-Rock insgesamt ist, ist "Si on avait besoin d'une cinquième saison" für den Folk-Prog. Wunderschöne, eher sanfte Klänge, sehr natürlich und akustisch, dabei aber musikalisch durchaus anspruchsvoll. Unter wahren Prog-Kennern gilt es damit zurecht als Juwel, Amazon selbst hat das Album enttäuschenderweise nicht einmal im eigenen Sortiment.
Kaufempfehlung für alle, die auf den Prog der Siebziger stehen, oder auf Folk und auch einen Klassikeinschlag vertragen. Auch Liebhaber des typischen späten Hippie-Sounds kommen hier voll auf ihre Kosten. Dabei ist es nicht nötig, Französisch zu verstehen (obwohl die Texte durchaus gut sind), die Musik spricht ihre eigene Sprache.