Der ca. 13- bis 16-jährige Binguel (die Romanhandlung erstreckt sich über zwei Jahre) lebt im Spannungsfeld mehrerer Welten: Wie die meisten seiner Altersgenossen sucht er eine Identifikationsfigur; zunächst schließt er sich dem Vorstadt-Kriminellen Benté an, einen begeisterten Cineasten, von dem er sich am Ende auf spektakuläre Weise löst. Binguels Suche nach der eigenen Identität verläuft aber nicht nur auf privater Ebene, sondern auch auf kultureller: Der Roman spielt Ende der 1950er Jahre in Guinea, wo zu dieser Zeit das Private durchaus das Politische sein konnte -- so auch für den Protagonisten von "Cinema". Er wechselt zwischen zwei Schulen hin und her, der französischen, die für den Sohn eines reichen Kaufmannes standesgemäß ist, und einer traditionellen; und auch sonst prallen die Wertvorstellungen hart aufeinander: Die Werte der frankophilen Oberschicht, die der islamisch geprägten, traditionell denkenden Bevölkerung, die der politisch engagierten Neuerer... und dazu kommt hier noch der Einfluss des Kinos mit seinen Prototypen: Oklahoma Kid in Afrika... Und mittendrin also ein 16-Jähriger -- oder steht Binguel stellvertretend für eine gerade im Entstehen begriffene Nation? Man kann das durchaus so sehen, denn in dem Jungen spiegeln sich die Widersprüche seiner Gesellschaft wider.
Es dauert ein wenig, bis man mit diesem Roman "warm wird", und das liegt weniger daran, dass die Handlung stark von der guineischen Unabhängigkeitsbewegung geprägt ist und einem der historische Hintergrund nicht unbedingt präsent ist. Vor allem liegt das jedoch am raffinierten Aufbau deses Romans: Binguel blickt auf seine Entwicklung während der letzten Jahre zurück; erzählte Gegenwart und Vergangenheit sind eng verzahnt. Dementsprechend dominiert Binguels Perspektive, vor allem aber dominiert seine Sprache: Der Erzähler ist nicht allwissend und abgeklärt, sondern steckt mitten in der Pubertät, und entsprechend naiv und nassforsch gerät ihm der Rückblick (hier haben die beiden Übersetzerinnen hervorragende Arbeit geleistet, will mir scheinen).
Man kann "Cinema" als Entwicklungsroman lesen, als eine Geschichte über das Erwachsenwerden, aber aufgrund der Erzählperspektive auch als Schelmenroman, als Roman über die kleinen Leute, die durch eine undurchschaubare Gegenwart stolpern und sich darin irgendwie einrichten müssen. Dazu passt auch, dass Binguels Heldentat am Ende des Romans eigentlich eine kriminelle Tat ist -- im Gegensatz zum Kino gibt es im Erwachsenenleben eben keine klare Trennung zwischen Gut und Böse.