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Cinema
 
 
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Cinema [Broschiert]

Tierno Monénembo , Karin Boden , Monique Lütgens
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktinformation

  • Broschiert: 190 Seiten
  • Verlag: Hammer (1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3872948326
  • ISBN-13: 978-3872948328
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.431.853 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Umwege zur Unabhängigkeit

Tierno Monénembos Roman «Cinema»

Seine literarische Karriere begann der 1947 in Guinea geborene Tierno Monénembo mit «Les crapauds-brousse» (1979), einer Auseinandersetzung mit guineanischen Verhältnissen unter dem Diktator Sekou Touré. Er selber war schon 1972 ins Exil gezwungen worden, das ihn nach Senegal, Côte d'Ivoire, Algerien und Frankreich führte. Später verlagern sich auch die Orte seiner Romanhandlungen in die Fremde. 1993 erscheint «Un attiéké pour Elgass» – in der deutschen Übersetzung: «Zahltag in Abidjan» (1996). Zwei Jahre später «Pelourinho», eine Suche nach afrikanischen Spuren in Brasilien. Mit «Cinéma», dem sechsten Roman, der nun mit dem gleichen Titel auf Deutsch vorliegt, kehrt Monénembo zurück: nach dem Guinea der Jahre um 1958, als das Land – als einziges in Afrika – gegen den Verbleib in der Communauté Française votierte und unabhängig wurde.

«Cinema» besticht durch eine ausgeklügelte Komposition. Die aus einer unbestimmten Erzählgegenwart im Rückblick erzählte Zeit verteilt sich alternierend auf zwei Ebenen: auf etwa zwei Jahre vor 1958 sowie auf wenige Tage unmittelbar nach der Absage an die französische Kolonialherrschaft. Erzähler ist Binguel, der am Romanende etwa 16 Jahre zählt. Zur ersten Erzählebene gehört seine Annäherung an Benté, einen wesentlich älteren Kriminellen und Kinogänger, unter dessen Einfluss der Jugendliche zunehmend gerät. Auf der zweiten Ebene versucht er sich von Benté zu lösen, von den Demütigungen und der Abhängigkeit hat er genug. Der endgültige Bruch gelingt ihm durch eine ebenso kriminelle wie heroische Tat.

Zunächst liest sich «Cinema» als Fragment eines Entwicklungsromans; doch der Weg vom Jungen zum Mann gestaltet sich für Binguel alles andere als einfach. Eine Identifikation mit seinem häufig abwesenden Vater, einem reichen Kaufmann, kann nicht gelingen. Als ehrgeiziger Geschäftsmann ist dieser darauf angewiesen, sich mit den divergierenden Kräften der Kolonialgesellschaft zu arrangieren: so etwa mit dem Koranlehrer Karamoko, obwohl er kein gläubiger Muslim ist, wie auch mit dem Schulleiter der französischen Schule, der deutlich rassistische Züge entwickelt.

Binguel besucht beide Schulen; kommt er von der einen nach Hause, muss er seinen Gabardineanzug gegen den Bubu tauschen, um in die andere zu gehen – ganz zu schweigen von den gegensätzlichen Inhalten, die ihm die beiden Schulen vermitteln. Auch dass er sich in seine französische Lehrerin verliebt, fördert sein Mann-Werden nicht; sondern verursacht ihm nur Gewissensbisse, verteufelt doch Karamoko jegliche Beziehung zu einer Christin. Kein Wunder, dass er sich am gewalttätigen Aussenseiter Benté orientiert, den er beim Schuhputzer Ardo kennenlernt – der positivsten Figur im Roman, einem feurigen Befürworter der Unabhängigkeit, der später zu einem der ersten Opfer der Repression im postkolonialen Guinea wird.

Monénembos Komposition eignet sich bestens, die guineanische Kolonial- und Übergangsgesellschaft darzustellen. Die Perspektive Binguels – er erzählt in der Ich-Form, vieles ist innerer Monolog – sowie seine naiv-forsche Diktion machen aus «Cinema» einen Schelmenroman. Eine derartige Lektüre fördert soziopolitische Aspekte zutage. Ohne dass Monénembo je direkt darauf hinweist, sind Parallelen zwischen Binguels und Guineas Entwicklung erkennbar. Zur ersten Zeitebene des Romans gehört – neben der Annäherung an Benté – die Kolonialzeit mit all ihren Abhängigkeiten sowie mit Ardos ungeheuren Erwartungen an die Zeit der Unabhängigkeit. Bestandteil der zweiten Zeitebene sind die Unabhängigkeit und ihre (mitunter zweifelhaften) Neuerungen. Es wäre jedoch verfehlt, «Cinema» ausschliesslich als einen politisch-symbolischen Roman zu lesen; Monénembo scheint lediglich den Leserinnen und Lesern den Horizont seiner Geschichte in diese Richtung öffnen zu wollen.

«Cinema» ist ein treffendes Beispiel für eine Entwicklung der neueren Literatur aus Afrika. Sie nimmt Abstand von Ideologie, wendet sich mehr dem Privaten zu, ohne dabei an gesellschaftskritischem und politischem Sprengstoff zu verlieren.

Heinz Hug

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 11.07.2000
Nach Ansicht Heinz Hugs ist dieser Roman ein "treffendes Beispiel für eine Entwicklung der neueren Literatur aus Afrika", insbesondere deswegen, weil der Autor sich hier stärker dem Privaten zuwende, ohne dabei gesellschaftliche Aspekte zu vergessen. Besonders die Komposition des Romans hat es dem Rezensenten angetan: Denn die zwei Zeitebenen (eine ist zwei Jahre vor der Unabhängigkeit Guineas angesiedelt, die andere kurz danach) korrespondieren seiner Ansicht nach mit der Entwicklung und auch Zerrissenheit des jungen Erzählers. Zunächst die Abhängigkeit, später die Abwendung von einem kriminellen Freund, der Konflikt zwischen islamischer und christlicher Kultur und auch das zwiespältige Verhältnis zum Vater. Dennoch findet es der Rezensent falsch, in diesem Buch lediglich "einen politisch-symbolischen Roman" zu sehen. Die rückblickenden Beobachtungen des Erzählers in seiner "naiv-forschen Diktion machen aus `Cinema` einen Schelmenroman", so das Fazit des Rezensenten.

© Perlentaucher Medien GmbH

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von weiser111
Der ca. 13- bis 16-jährige Binguel (die Romanhandlung erstreckt sich über zwei Jahre) lebt im Spannungsfeld mehrerer Welten: Wie die meisten seiner Altersgenossen sucht er eine Identifikationsfigur; zunächst schließt er sich dem Vorstadt-Kriminellen Benté an, einen begeisterten Cineasten, von dem er sich am Ende auf spektakuläre Weise löst. Binguels Suche nach der eigenen Identität verläuft aber nicht nur auf privater Ebene, sondern auch auf kultureller: Der Roman spielt Ende der 1950er Jahre in Guinea, wo zu dieser Zeit das Private durchaus das Politische sein konnte -- so auch für den Protagonisten von "Cinema". Er wechselt zwischen zwei Schulen hin und her, der französischen, die für den Sohn eines reichen Kaufmannes standesgemäß ist, und einer traditionellen; und auch sonst prallen die Wertvorstellungen hart aufeinander: Die Werte der frankophilen Oberschicht, die der islamisch geprägten, traditionell denkenden Bevölkerung, die der politisch engagierten Neuerer... und dazu kommt hier noch der Einfluss des Kinos mit seinen Prototypen: Oklahoma Kid in Afrika... Und mittendrin also ein 16-Jähriger -- oder steht Binguel stellvertretend für eine gerade im Entstehen begriffene Nation? Man kann das durchaus so sehen, denn in dem Jungen spiegeln sich die Widersprüche seiner Gesellschaft wider.
Es dauert ein wenig, bis man mit diesem Roman "warm wird", und das liegt weniger daran, dass die Handlung stark von der guineischen Unabhängigkeitsbewegung geprägt ist und einem der historische Hintergrund nicht unbedingt präsent ist. Vor allem liegt das jedoch am raffinierten Aufbau deses Romans: Binguel blickt auf seine Entwicklung während der letzten Jahre zurück; erzählte Gegenwart und Vergangenheit sind eng verzahnt. Dementsprechend dominiert Binguels Perspektive, vor allem aber dominiert seine Sprache: Der Erzähler ist nicht allwissend und abgeklärt, sondern steckt mitten in der Pubertät, und entsprechend naiv und nassforsch gerät ihm der Rückblick (hier haben die beiden Übersetzerinnen hervorragende Arbeit geleistet, will mir scheinen).
Man kann "Cinema" als Entwicklungsroman lesen, als eine Geschichte über das Erwachsenwerden, aber aufgrund der Erzählperspektive auch als Schelmenroman, als Roman über die kleinen Leute, die durch eine undurchschaubare Gegenwart stolpern und sich darin irgendwie einrichten müssen. Dazu passt auch, dass Binguels Heldentat am Ende des Romans eigentlich eine kriminelle Tat ist -- im Gegensatz zum Kino gibt es im Erwachsenenleben eben keine klare Trennung zwischen Gut und Böse.
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