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Cinema Naturale [Gebundene Ausgabe]

Gianni Celati

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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Pressestimmen

Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 28.04.2001
Lothar Baier tut sich etwas schwer, uns zu erklären, was es mit der "großartigen Erzählkunst" des Autors auf sich hat. Die "erkennbar sorgfältige Regie", in der sich Celati nach Meinung des Rezensenten auch mit seinen neuen Erzählungen als Virtuose erweist, zeigt sich in diesem Band demnach vor allem im Einsatz eines "erzählenden und gleichzeitig mit dem Erzählen spielenden Chronisten der Erzählungen von Dritten". Dies und auch, was Baier außerdem noch anführt - die Vorliebe des Autors für "Durchschnittsfiguren, die sich durch eigenartige Tricks und kauzige Obsessionen vom Durchschnitt unterscheiden" (was denn nun?) und der "von der Übersetzerin ... ausgezeichnet wiedergegebene Celati-Ton" -, es erklärt genau genommen - gar nichts.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Perlentaucher.de

Literatur am Strand

Die italienischen Autoren machen Siesta

In Tropea ist die kleine Altstadtbuchhandlung bis Mitternacht geöffnet; die warmen Nächte Kalabriens verlocken nicht zum Schlafen, und wenn man die Korallenboutiquen am Corso bereits durchstöbert hat, kann man bei Carla vorbeischauen in der Hoffnung, Lesestoff für die Siesta zu finden. Wieso fehlen dieses Jahr fast alle italienischen Neuerscheinungen? Carla sagt trocken, sie richte sich nicht nach den Bestsellerlisten. Immerhin gibt es von Andrea Camilleri, dem italienischen Pendant zu Donna Leon, Bücherstapel auf einem Sondertisch; doch rät mir die Chefin vom Kauf entschieden ab. Unsere gemeinsame Bekannte, der ich ein Buch schenken will, mag italienische Autoren nicht; sie liest Banana Yoshimoto, Assia Djebar, Milan Kundera, Sandor Marai – und soeben sei bei Einaudi eine neue Ungarin herausgekommen, die Agota Kristof heisse. Dass diese Autorin nicht ganz neu ist, französisch schreibt und seit 1956 in der Suisse romande lebt, interessiert Carla nicht: In Italien nimmt man Ausländer erst zur Kenntnis, wenn sie übersetzt sind.

Büchersponsoring?

Ein paar Tage später taucht in der Bücherhöhle überraschend eine italienische Neuerscheinung auf: Luigi Malerbas «Città e dintorni» (Städte und Umgebung), eine Sammlung journalistischer Reiseberichte, wird auch im Süden Kalabriens am Stichtag ausgeliefert. Das beweist einerseits, dass der Mondadori-Verlag den italienweit besten Vertrieb hat, anderseits, dass die schläfrige italienische Literaturszene auch mitten im Sommer für einen kleinen Skandal dankbar ist. Anlass zur Aufregung gaben zwölf Seiten Reklame für die Mobilfunkfirma Omnitel, die ins Buch eingefügt sind. Auf Glanzpapier, mit Farbfotos und Zitaten, trendig gestaltet. Dafür hat die Firma einen Betrag beigesteuert, der den Preis des Buchs um einen Drittel reduziert; das 260 Seiten dicke Hardcover kostet bloss sechzehn Franken. Das ärgerte manche Kollegen; und Paola Capriolo hat im «Corriere della Sera» die Degradierung des Buchs zum Werbespot bitter beklagt. Als Germanistin hätte sie zwar wissen können, dass man bei Rowohlt schon vor zwanzig Jahren mit Literatursponsoring schlechte Erfahrungen machte: Damals wurde vor allem für solide Bankanlagen geworben; in der ersten Gesamtausgabe von Musils Werk fehlt zum Beispiel in keinem Band ein doppelseitiger Hinweis auf die beruhigende Sicherheit von Pfandbriefen und Kommunalobligationen. Es hat sich dann aber bald gezeigt, dass passionierte Leser kein sicheres Zielpublikum für die Werbung sind; das weiss Malerba, der einst selbst eine Werbeagentur geleitet hat. Er weiss aber auch, dass sein Buch «Città e dintorni» kein neues Buch ist, sondern eine Sammlung von journalistischen Reiseberichten aus den letzten fünfzehn Jahren, die ein pfiffiges Marketing brauchen kann. Da bot sich die globale Telefonfirma als idealer Partner an für einen Autor, der mit Witz und leichter Hand immer in vielen Sparten tätig war und die Mechanismen der Kulturindustrie neugierig und ohne Berührungsängste studiert hat. Dazu gehört auch, dass er viele Jahre als Drehbuchautor tätig war, und zwar nur für schlechte Filme, wie er gern betonte: Das lasse ihm den Kopf frei für die eigenen Bücher.

Malerba ist ein gebildeter und aufmerksamer Reiseführer mit offenen Augen für die Zerstörung von Städten und Landschaften, die er nicht nur in Italien wahrnimmt; allerdings ist er überzeugt, dass seine Landsleute den Weltrekord halten im schludrigen und gewissenlosen Umgang mit den Denkmälern der Vergangenheit. Diese Berichte haben eine ganz andere Tonart als seine Bücher und Erzählungen: sie sind sehr ernsthaft, detailgetreu, oft fast gelehrt geschrieben, zitieren gern Quellen und Autoritäten. Sie geben Einblick in die Arbeitsmethode dieses phantastischen Realisten, der in Romanen und Erzählungen die Wirklichkeit erst durchlöchert und in Frage stellt, wenn er sie ganz genau beobachtet und studiert hat. Seine Schreibmethode hat Malerba einmal auf die paradoxe Formel gebracht, um zu schreiben, müsse er vergessen, was er wisse, sonst komme ihm das, was er sage, als Wiederholung vor. Für Italienpilger ist sein neues Buch auf jeden Fall eine nützliche Reiselektüre, vor allem im ersten Teil, der von den drei geographischen Fixpunkten seines Lebens – Parma, Rom und Orvieto – handelt.

Gutmenschen

Eine dramatische Aktualität hat Sebastiano Vassallis «Archeologia del presente» (Archäologie der Gegenwart) durch die blutigen Kämpfe zwischen Demonstranten und Polizisten am G 8 in Genua gewonnen. Es ist ein leidenschaftliches, ungerechtes und witziges Pamphlet gegen die Idealisten und Weltverbesserer, die in den letzten dreissig Jahren die italienische und die europäische Politik mit ihren Protesten beunruhigt haben. Als plakative Helden hat Vassalli ein Ehepaar aus reichem Haus gewählt, das von der Studentenrevolution von 1968 über die Antipsychiatrie, die alternative Medizin, den Umweltschutz und den Kampf gegen die Bauspekulation bis zum Einsatz für Zigeuner und Drittweltflüchtlinge unbeirrbar für den Fortschritt der Menschheit kämpft und den Glauben ans Gute im Menschen, auch wenn alles schief geht, nie verliert. «Was für Idioten!», sagt der Ich-Erzähler am Ende des Buchs.

Vassalli erzählt seine misanthropische Story so knapp und anschaulich, dass man die karikaturistischen Überzeichnungen in Kauf nimmt; zumal er in der Literaturszene Italiens ein weisser Rabe ist, der sich mit dem fragwürdigen Zustand der Welt auseinandersetzt und nicht in ferne Epochen ausweicht oder die Leiden und Freuden des privaten Alltags locker in den Computer tippt.

Die Autoren, die in diesem Sommer auf den Bestsellerlisten und am Strand dominieren, gehören alle zur älteren Generation: Malerba ist 74, Vassalli 60, Tabucchi 58, Celati 64. Nachwuchs ist kaum in Sicht; und wenn man einen Starkritiker wie Pietro Citati fragt, woran es liegen könnte, dass es in Italien keine junge, ja nicht einmal eine mittlere Generation von Schriftstellern gibt, sagt er, dafür gebe es weder politische noch ökonomische Erklärungen; die Literatur sei eine geheimnisvolle und launische Göttin, die sich von den Sterblichen nicht herbeibitten lasse; es habe in der Geschichte immer wieder lange Perioden gegeben, in denen sie schweige, sich ausruhe, Siesta mache.

Melancholiker

Dem Geschäft der Verleger und Buchhändler schadet das nicht viel. Ein neuer Roman von Umberto Eco hat eine Startauflage von hunderttausend Exemplaren. Massgebend ist nicht die Qualität des Buchs, sondern die Erwartung des Lesers. Ähnliches gilt für den komplexeren und subtileren Antonio Tabucchi, dessen neuer Roman «Si sta facendo sempre più tardi» (Es wird immer später) in zwei Monaten dreissigtausend Leser fand und nun in zweiter oder dritter Auflage vorliegt. Es ist allerdings zu vermuten, dass die meisten Leser ein anderes Buch erwartet haben, nämlich einen Politkrimi wie «Erklärt Pereira», der den Autor berühmt gemacht hat. In Tabucchis neuem Roman – eigentlich kein Roman; siebzehn Briefe namenloser Männer an ihre ebenfalls namenlosen Geliebten – geht es nicht um die Erkundung realer Verhältnisse, sondern um eine melancholisch-philosophische Reflexion über die Liebe, den Tod und die Vergänglichkeit, in die sich neben Musikklängen und Bildern auch explizite Erotik mischt. Wie in seinen ersten Erzählungen wirbelt Tabucchi in diesen Briefen die Zeiten durcheinander: Der blitzschnelle Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart taucht das Erzählte in eine Atmosphäre der Ungewissheit und lässt die eindeutigen Konturen von Personen und Fakten verschwimmen. Das ganze Buch ist eine Art Spiegelkabinett, in dem die verschiedenen Briefschreiber zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf die Bühne treten und in ihren Geschichten neue Perspektiven zum Thema der Liebe öffnen. Dabei verliert sich der Autor manchmal im selbst geknüpften Netz seiner spekulativen Kunstfertigkeit und gibt es auch zu, wenn er sagt: «Reden und vor allem Schreiben ist immer ein Mittel gewesen, sich mit der Sinnlosigkeit des Daseins zu arrangieren.»

Das ist ein Satz, der in gewisser Hinsicht auch für Gianni Celati zutrifft, dem die schönste Neuerscheinung dieses Jahres zu verdanken ist: der Erzählungsband «Cinema naturale», der im Januar auf Italienisch und ein paar Monate später in deutscher Übersetzung erschien. In einer Vorbemerkung heisst es: «An diesen Erzählungen habe ich über zwanzig Jahre geschrieben, dann habe ich sie lange Zeit neu geschrieben, um eine Beschäftigung zu haben und zu sehen, was sich unterdessen tut.»

Die Helden von Celatis neun Erzählungen sind ohne Ausnahme Sonderlinge, Querdenker, Nomaden, unangepasste Träumer, die es in ihrem Leben nicht aushalten: Einer reist nach Amerika, ein anderer versucht in der Wüste ein Heiliger zu werden, zwei alte Freunde verirren sich in Afrika, und ein Arzt ruiniert sich, indem er Stimmen nachläuft. Celati erzählt diese seltsamen Geschichten trocken und beiläufig: Er berichtet ohne eine Spur von Pathos, wie seine armen Menschen sich von ihrem Alltag oder ihrer Lebenslüge befreien, was ihnen jedoch keine Erleichterung bringt und die Vermutung aufkommen lässt, dass das ganze Leben eine riesenhafte Fälschung sein könnte.

Der gelassene und nachdenkliche Umgang mit alten Texten ist bezeichnend für diesen Autor, der ein grosser Erzähler, aber auch ein fabelhafter Zuhörer ist. Über die Grenzen Italiens hinaus ist er 1985 bekannt geworden mit dem Band «Narratori della pianura» (Erzähler der Ebene), in dem er Geschichten aufgeschrieben hat, die ihm die Bewohner der Po-Ebene erzählt haben. Celati berichtet das Gehörte in einem schlichten Alltagston, der vieles offen lässt und der gesprochenen Sprache näher steht als der klassischen Literatursprache. Er pflegt das Understatement systematisch und tarnt die musikalische Anmut seiner Texte durch einen spröden Parlando-Ton. Auch in den neuen Geschichten ist er als Erzähler und Zuhörer gegenwärtig und mischt sich hie und da mit Fragen oder verwirrlichen Kommentaren ein. Die Story vom Model, das auf der Höhe des Erfolgs durchdreht, beginnt zum Beispiel mit dem Satz «In der Geschichte geht es so, dass dieses Model an einem bestimmten Strand der Welt gelandet war, wie viele andere auch.» Der Übersetzerin Marianne Schneider gelingt es meisterhaft, Celatis Stilebene zwischen rudimentärer Umgangssprache und literarischem Kalkül zu treffen, indem sie auf wörtliches Übersetzen verzichtet, Umschreibungen verwendet und die Musikalität des Originals in der lockeren Syntax zum Klingen bringt.

Wer glaubt, dass während der heissen Sommermonate auch die Verleger am Meer oder auf ihren Jachten herumfaulenzen, wurde Anfang August durch die Meldung überrascht, dass der Feltrinelli-Verlag die Rizzoli-Buchhandlungen in ganz Italien für 41 Milliarden Lire gekauft hat. Damit besitzt er 97 Buchhandlungen mit einer Verkaufsfläche von 45 000 Quadratmetern. Eine gute Nachricht für Leser, die in den verstaubten Rizzoli-Buchhandlungen nie fanden, was sie suchten; erfreulich auch, weil Feltrinelli der letzte grosse und unabhängige Verlag ist, der ein literarisches Programm macht, in dem man nicht das Beliebige und Austauschbare findet, sondern Neues, Anderes und Unerwartetes von Antonio Tabucchi und Gianni Celati bis zu Stefano Benni.

Alice Vollenweider -- Neue Zürcher Zeitung


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