Für eine Cicero-Biografie die nicht den Politiker Marcus Tullius Cicero sondern dessen Verdienste als Rhetoriker und Philosophen gewidmet ist, kann man sich kaum einen besseren Autor vorstellen als Wilfried Stroh, der sich in den letzten Jahren mit Werken wie "Die Macht der Rede" oder "Latein ist tot, lang lebe Latein!" als profunden Kenner antiker Redekunst und ihrer philosophischen Fundamente etabliert hat. Entsprechend erahnen lässt sich vor diesem Hintergrund bereits worauf sich Strohs Cicero-Biografie konzentriert, den "politischen Platoniker" Cicero.
Bereits im Vorwort eröffnet Stroh Lesern was das herausragende an der Persönlichkeit Ciceros ausmacht. Der Rhetoriker, Anwalt, Politiker und Schriftsteller hat uns mit seinen Reden und Briefen ein Lebenswerk hinterlassen, das ihn bis ins 16. Jahrhundert hinein zur wohl am besten bekannten Person der Menschheitsgeschichte macht, hat er doch etwa in seinen Atticus-Briefen selbst intime Details an seinen Freund und Verleger preisgegeben. Entsprechend erhalten hat sich so auch die Vielgestaltigkeit Ciceros, bei dem die politische Tätigkeit Hand in Hand mit seiner philosophischen Überzeugung und rhetorischen Engagement einher ging. Die unterschiedlichen Aspekte der Person Ciceros machen es nach Stroh auch kaum möglich ihn auf einen solchen zu reduzieren, wie den Politiker, auch wenn eine solche Beschränkung oder positiver formuliert eine Konzentrierung auf einen Aspekt, wie eine vorwiegend auf den Politiker Cicero zugschneiderte Biografie, für gewöhnlich den O-Ton der ihm gewidmeten Biografien ausmacht.
Stroh versucht daher das Gegenteil, er ordnet den Privatmann (den Rhetoriker und Philosophen) nicht dem Staatsmann Cicero unter, sondern versucht beide in Einklang zu bringen, allerdings indem er seinen Cicero vor allem anderen zum Philosophen erklärt. Ciceros politische Karriere wird damit zu einer philosophischen Überzeugungstat, sein rhetorisches Können zum Werkzeug zur praktischen Verwirklichung seiner Ideale. In einer vor allem auf den "praktischen" Philosophen Cicero gemünzten Darstellung eines Experten für antike Rhetorik ist klar dass die zeitgenössischen Geschehnisse da durchaus etwas in den Hintergrund treten. Das ist für eine Kurzbiografie die ja dem Zweck dienen soll ein grundlegendes Verständnis zu vermitteln zwar bereits fast zu hochgegriffen, doch besitzt für sich bereits mit Cicero vertrauten Lesern einen gewissen Reiz.
- Resümee -
Für das grundlegende Verständnis Ciceros vielleicht schon etwas zu spezialisiert. Für Kenner von Wilfried Strohs jüngsten Werken ("Die Macht der Rede", "Latein ist tot, lang lebe Latein!") allerdings durchaus interessant, setzt er sich trotz geringen Buchumfangs doch sehr intensiv mit dem Rhetoriker Cicero auseinander und bringt seinen ganz besonderen Verve und Einsatz für die Sache (Rhetorik) ein. Dabei hat die Begeisterung im Einklang mit dem begrenzten Platz allerdings wohl auch etwas überhand genommen und es verwundert nicht wenn Cicero im vorliegenden Büchlein nicht allzu kritisch angegangen und in der Würdigung als Philosoph und Redner fast verklärt wird. (3,5 Sterne)