Mit Studien zum späten Cicero hat sich Klaus Bringmann einst habilitiert und die Jahre seiner Lehrtätigkeit haben ihn immer wieder zum größten Redner der späten Römischen Republik zurückgeführt. Rückblickend ist der Althistoriker überzeugt heute ein besseres Verständnis dieser faszinierenden Persönlichkeit erlangt zu haben und dieser Einsicht heraus hat sich Bringmann an seine definitive Cicero-Biografie herangewagt, ein Buch als Schlussstrich unter eine jahrelange Beschäftigung mit diesem Mann der doch in und an der Politik seiner Zeit gescheitert ist.
Gewidmet ist das Buch interessanterweise einem allgemeinen Publikum und damit einem möglichst großen Leserkreis. Anstatt jedoch wie andere Autoren nur einen Überblick über die Forschungserkenntnisse zu diversen Spezialthemen der römischen Geschichte und Ciceros Lebzeiten zu geben führt Bringmann nicht einfach durch die Forschungsgeschichte, sondern hat seine Cicero-Biografie eigenhändig und vollständig aus den Quellen heraus erarbeitet. Und von diesen gibt es mit 864 erhaltenen Briefen, davon allein 426 an Intimfreund Atticus, dem Cicero alles anvertraute, reichlich. Dazu kommen noch jene 58 Reden die er mit Hilfe Atticus einst selbst publizierte, zum Zwecke der Selbstdarstellung, aber auch weil schon Cicero meinte seine Musterreden besäßen didaktischen Wert. Anstatt sich also bei anderen Autoren zu bedienen und deren Meinung zu spiegeln hat sich Bringmann die Mühe gemachte eine genuin eigene Darstellung zu wagen, auf die andere dereinst wieder aufbauen können. Zum Ziel gesetzt hat sich der Althistoriker jedoch wesentlich ein abwägendes und pathosfreies Bild Ciceros zu vermitteln.
Bringmanns Biografie beginnt wo auch das Leben Marcus Tullius Ciceros begann, in Arpinum, wo sich in der Stadtnobilität die Tulii, Marii und Gratidii besonders hervorgetan hatten. Doch bis zu Ciceros Aufstieg sollte Gaius Marius der größte Sohn der Stadt bleiben. Der junge Cicero sollte jedoch zunächst einen typischen Lebensweg für die römische Jugend seiner Zeit einschlagen und schon in jungen Jahren mit griechischer Kultur und Bildung vertraut gemacht werden. Auch er war ein Produkt der Hellenisierung der geistigen Elite Roms und so steht im Zentrum seiner Jugend und seines Karrierebeginns auch die Bildungsreise nach Osten, auf welcher er sich Apollonius Molons Rednerkünste aneignete und seine Ausbildung vervollständigte. Bis zu diesem Punkt an dem er nach Rom zurückkehrte, um seine Karriere als Rechtsanwalt und auch seine politischen Ambitionen zu verfolgen war Cicero ein Niemand und der hätte er auch bleiben können.
Eine der Kernbotschaften Bringmanns Cicero-Biografie ist dass sich der frühe Cicero noch deutlich im Rahmen des für ihn wie seine Standesgenossen möglichen bewegte und keineswegs für den großen Durchbruch seines Lebens prädestiniert war. Cicero als typischer Römer gewissermaßen. Eine wichtige Rückbesinnung auf das wesentliche, wenn man bedenkt mit welchen Pathos manch andere Autoren den jungen Cicero in der Vergangenheit und auch Gegenwart über seine Zeitgenossen empor gehoben haben. Dementsprechend war auch Ciceros Wahl zum Konsul keine Selbstverständlichkeit, konnte er sich doch als erster seit dem Jahre 94 v. Chr. nicht auf das Beziehungsnetzwerk der Nobilität berufen. Noch entscheidender als Ciceros Wahlkampfpraxis keinen konkreten Standpunkt zu beziehen und einfach allen alles zu versprechen war es dass er sich dem neuen Machtzentrum unter Pompeius und dessen loyalen Volkstribunen angenähert hatte.
Zurückführen auf Bringmanns Bemühungen ein Cicero-Bild fern von Verklärung und Verdammung zu zeichnen lässt sich indes, dass der Althistoriker eben nicht nach genuinen Eigenschaften Ciceros sucht, um ihm eine Prädestination zu unterstellen, sondern den großen Rhetoriker vorwiegend als Spielball und Opfer der politischen Entwicklungen präsentiert. Damit reduziert Bringmann auch die Charakterdarstellung auf das Notwendigste und konzentriert sich mehr auf die Person als den Charakter Cicero. Die Biografie ist auch kein Exkurs in römischer Geschichte, auch wenn sie sehr detailreich gestaltet ist.
Fazit:
Sachlich im Ton und auf das Wesentliche konzentriert eine Cicero-Biografie fern von Verdammung und Verklärung.