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Die eigentlich originellen Thesen Krockows jedoch kulminieren in dem Satz: "Churchill wäre nicht er selbst geworden ohne Hitler, jedenfalls keine geschichtliche Figur von Bedeutung." Dies ist gleich in mehrfacher Hinsicht zu hinterfragen. Erstens: Wenn Churchill den großen Widerpart gebraucht haben sollte, um "er selbst" oder doch zumindest "eine geschichtliche Figur von Bedeutung" zu werden, so hätte er ihn für den Fall, Hitler und der Nationalsozialismus wären nicht auf der historischen Bühne erschienen, ebensogut in Stalin finden können. Zweitens: So richtig Krockows These wohl tatsächlich ist, die Alternative des 20. Jahrhunderts sei nicht die zwischen Nationalsozialismus und Faschismus auf der einen und Kommunismus auf der anderen Seite, sondern die zwischen freiheitlicher Demokratie und Gewaltherrschaft gewesen -- Churchill eine für den liberalen, demokratischen Rechtsstaat ebenso große Bedeutung zuzumessen wie sie Hitler für das Terrorregime des Nationalsozialismus zweifellos hatte, geht dann wohl doch ein wenig zu weit.--Andreas Vierecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Christian Graf von Krockow über Winston Churchill
«. . . an unserer Debatte und historischen Perspektive, mit welchem Pro und Contra auch immer, haftet etwas peinlich Provinzielles», bemerkt Christian Graf von Krockow im Vorwort zu seiner Churchill-Biographie. Wobei er mit «unserer» natürlich die deutsche meint ganz im Sinn eben dieser «Debatte und Perspektive». Er selbst will andere Wege gehen, kein Zweifel; noch das überzeugteste Gehenwollen ist aber kein Gehen.
Eine Churchill-Biographie also; beruhend auf den bisherigen, ihrerseits auf Forschung beruhenden Darstellungen; weder neu, was irgendwelche Fakten betrifft, noch brillant geschrieben; eine Biographie für den Hausgebrauch: wer über Churchills Leben so viel wissen will, wie man zu wissen braucht, der kann wohl, wie man zu sagen pflegt, zu diesem Buch greifen. Es ist weder zu lang noch zu kurz, es ist leicht verständlich, und es ist illustriert. Und es wirkt angenehm untendenziös, sofern man nicht Anglophilie als Tendenz betrachtet oder der Meinung ist, ein Biograph dürfe für die Persönlichkeit, über die er schreibt, nichts übrig haben.
Bewunderung war einst der Antrieb, unter welchem die Lebensbeschreibungen «grosser Männer» und bedeutender Frauen entstanden; oder wenn es sich um historische Scheusale handelte eine Faszination, über die nicht immer genaue Rechenschaft abgelegt wurde. Ein wenig Kritik, auch an Helden, wenn es sein musste, wurde zugesetzt. Wo sie dominierte wie in der Bismarck-Biographie Erich Eycks , empörten sich die Bewunderer: Wenn er Bismarck nicht mag, warum schreibt er dann über ihn? Heute neigt man eher dazu, Persönlichkeitsdarstellungen durch Kritik zu legitimieren.
In diesem Sinn ist Krockows Churchill-Biographie ein altmodisches Buch; was nicht von vornherein gegen sie spricht. Der Autor steht zu seiner Bewunderung, und er steht zu Churchill; das gibt seiner Haltung mitunter etwas Defensives und seiner Erzählung etwas Apologetisches auch da, wo Zwischenrufe kaum zu erwarten sind. Andererseits lässt er es an der angemessenen Dosis Kritik nicht fehlen: besonders im Hinblick auf die Vernichtung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg. Nur war man sich da schon vorher ungefähr einig. Was ist aber das Eigene, also Neue an diesem Beitrag? Was ist, angelsächsisch gefragt, «die Philosophie davon»? Krockow hat eine These; sie lautet: «Die Alternative zum Kommunismus war nicht der Faschismus (oder umgekehrt), sondern den wirklichen Gegenpol zu den beiden Bewegungen bildeten die liberalen westlichen Demokratien, in erster Linie Grossbritanniens und der Vereinigten Staaten von Amerika. Und der exemplarische Gegenspieler Hitlers war nicht Stalin, sondern Winston Churchill.» Für den ersten dieser zwei Sätze lässt sich einiges sagen, auch wenn er den Gegensatz zwischen kommunistischem und kapitalistischem Wirtschaftssystem zurücktreten lässt (die Fronten verlaufen da anders). Aber Churchill als «exemplarischer Gegenspieler Hitlers»? Hätte sich dann der Liberalismus in Churchill verkörpert, so wie sich der Nationalsozialismus in seinem Erfinder, in Hitler, verkörperte?
Krockow scheint etwas Derartiges zu meinen und etwas noch Problematischeres. Eine Photographie zeigt Churchill im Mai 1940 in seinem Amtssitz, Downing Street 10; darunter steht: «Endlich dank Hitler in der Ruhmesrolle seines Lebens.» Und im Text, zwei Seiten später: «Der Gegenspieler bedarf des Spielers; Churchill wäre nicht er selbst geworden ohne Hitler, jedenfalls keine geschichtliche Figur von Bedeutung.» Der Zusatz («jedenfalls . . .») verrät Unsicherheit: vielleicht war Winston Churchill, damals 66 Jahre alt, schon ohne die Hilfe Adolf Hitlers «er selbst» geworden; doch «geschichtlich bedeutend» wurde er erst und einzig «dank Hitler». Oft tut die Semantik das Ihre. Kann man, anders als von Grund auf ironisch, «dank Hitler» sagen?
Hitler hatte, ob man ihn nun einen Spieler nennt oder nicht, die historisch gewachsene Rechtsstaatlichkeit gegen sich, von der er sich abgewandt hatte und deren Widerstand er so lange herausforderte, bis er ihn schliesslich zu spüren bekam. Für die Alliierten nahm der Widerstand gegen Hitler zeitweise die Form eines Überlebenskampfs an, und in diesem Kampf hat sich Churchill hervorgetan. Aber wie kann man in diese Konstellation eine Symmetrie zwischen zwei Personen hineinlesen? Im Kino Sheriff bringt Gangster zur Strecke mag man sich das gefallen lassen. In der Weltpolitik kommt es auf solche Nuancen an wie: ob ein Staatsmann für etwas kämpft, das sich auch ohne ihn als vertretbare und derzeit lebenswichtige Ordnung legitimiert, oder ob einer in keinem anderen Namen als dem seiner eigenen Nichtswürdigkeit gegen jede menschengerechte Ordnung ins Feld zieht. Die Perspektive, aus der Churchill als «Gegenspieler» erscheint, wäre im Licht der Provinzialismus-Kritik zu überdenken.
Hanno Helbling -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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