"Ich habe in der Würdelosigkeit gelebt und lebe noch in ihr. Es ist mir nie gelungen, mein Bild reinzuwaschen. Ich bin...derjenige, der den alten Juden geohrfeigt hat, derjenige, der sich auf den Scheißhäusern versteckt hat, der Höfling, der den Gewalttätigen und Mördern geschmeichelt hat, um sich den Nachschlag der täglichen Suppe zu sichern."
Fünfzig Jahre nachdem Paul Steinberg aus dem KZ Auschwitz befreit wurde, zieht er diese düstere Bilanz über sich selbst. Er hatte nicht nur Glück, den Selektionen entkommen zu sein, nicht nur einen widerstandsfähigen Körper, der Krankheiten wie der Gelbsucht trotzte, nicht nur einen unbändigen Willen zu Überleben gehabt zu haben, sondern er war vielmehr kaltblütig und berechnend um sich stets dem Tod zu entziehen. Sein Leidensgefährte Primo Levi nannte Steinberg "hart und unnahbar, verschlossen in seinem Panzer, ein Feind aller, unmenschlich schlau und unbegreiflich wie die Schlange in der Genesis."
Steinberg "segelt zwischen den Inseln der Erinnerung". Sein Bericht ist selbstkritisch und kaltblütig, auch gegenüber der Gegenwart: "Der Tod anderer bleibt für mich etwas Banales, mein eigener auch." Was andere im Detail schilderten, Steinberg deutet es denkbar knapp an und berichtet präzise nur das, was das "schonungsvolle Gedächtnis" nach so langer Zeit übriggelassen hat. Auch wenn er es bedauert, daß ihm viele Gesichter und Menschen nicht in Erinnerung geblieben sind, Steinberg läßt sich nicht in Versuchung bringen, zu erfinden.
Weshalb ich? ist die Frage, die Steinberg beschäftigt und: Habe ich mir etwas zuschulden kommen lassen? Notwendigerweise ziehen diese Fragen weitere nach sich: Paul Steinberg zieht sein Überleben in Zweifel. Ausgerechnet er schaffte es, ein Lehrbuch für anorganische Chemie ins Lager zu schmuggeln und auswendig zu lernen, was ihm eine privilegierte Stellung als Chemiker einbrachte. Ausgerechnet er zog die Aufmerksamkeit der Lager- oder Blockältesten auf sich und kam ins Krankenlager, um sich auszukurieren, zu wärmen und ein paar Kilo zuzunehmen, während andere, die gesünder waren als er, "in Rauch aufgingen".
Die Fernsehserie Holocaust, Schindlers Liste oder Jorge Sempruns Buch Die große Reise zogen die Zuschauer bzw. Leser mit der Unfaßbarkeit der Grausamkeiten in ihren Bann. Paul Steinberg geht noch einen Schritt weiter: "Vielleicht habe ich ja überlebt, um als letzter Rechenschaft abzulegen, mal aufwallend, mal kaltblütig." Er legt Rechenschaft nicht nur über Auschwitz ab, sondern vor allem über sich in und nach Auschwitz. Das Eigentümliche an diesem Buch ist, daß man es nicht mehr aus den Händen legen kann und daß es einen noch wochenlang beschäftigt. Es ist tatsächlich weniger das Entsetzen, vielmehr das Verblüffen darüber, auf welche Weise Steinberg überlebt hat, das den Leser an diesen Bericht fesselt. --Matthias Kehle
Eine Art Lust
Paul Steinbergs befremdliche Auschwitz-Chronik
Soll, darf man gegen eine Überlebensgeschichte aus Auschwitz ästhetische Vorbehalte anmelden? Unbestreitbar ist zunächst die Legitimität aller Versuche, sich das unvorstellbare Leid von der Seele zu schreiben. Jedes Zeugnis trägt dazu bei, die Perspektive der Opfer zu vervollständigen, jedes Dokument kündet vom Sieg eines Einzelnen über den Totalitarismus des Tötens, aber ebenso von der Niederlage derer, die der Vernichtung nicht entgingen. Nicht um einer Moral oder gar um des Triumphes willen sollen diese Geschichten erzählt sein, sondern als Beleg dessen, was Menschen Menschen anzutun vermögen. Über Auschwitz lässt sich leicht philosophieren um so wichtiger ist es, zu erfahren, was es konkret heisst, wenn das Grauen zum Alltag und die Todesangst zur Routine wird. Dabei gilt es das Lesen nicht mit dem Leben, den Text nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Keine Sprache der Welt vermag den realen Schrecken zu evozieren. Die Reichweite der Imagination bleibt begrenzt selbst für den, der in Auschwitz war, denn als Überlebenden ist ihm der innerste Kreis der Hölle verschlossen geblieben.
Die Fremde der Sprache
Das Verstummen wäre wohl die adäquateste Art, das Entsetzliche zu fassen, um den Preis, dass Auschwitz ein blinder Fleck bliebe. Wer aber erzählt, betritt das Feld der Rhetorik und muss Form und Inhalt zur Deckung zu bringen versuchen. Was hiesse: die Gegenwelt der Lager ohne den Wort- und Bildfundus jener idealistischen Kultur zu schildern, die in den Gaskammern untergegangen ist eine Aporie, an der sinnvollerweise Dichter, aber nicht Dokumentaristen des eigenen Überlebens gemessen werden sollen. Und doch müsste auch ihr Erzählen das Scheitern in sich hineinnehmen, als Ironie etwa oder als Verzicht auf Pathos und Sentiment, als Lakonik und Beschreibungsfuror, als Ideologieabstinenz und als Befremden über das eigene Reden. Die Fremde der Sprache wiederum spiegelte die Fremde des Ich, denn dieses ist «ein anderer» (Imre Kertész) geworden unter den Bedingungen extremer Gewalt.
Paul Steinberg, 1926 als Sohn einer russisch-jüdischen Familie in Berlin geboren, 1933 nach Frankreich emigriert, 1943 deportiert, hat Auschwitz und Buchenwald überstanden. Fünfzig Jahre vergingen, ehe er seine «Chronik aus einer dunklen Welt» (1996) niederschrieb, um die «Parallelwelt» von Auschwitz zu «verstehen, verständlich zu machen», wie es in einer «Gebrauchsanweisung» heisst. Als frühzeitig aus dem Familienzusammenhang gerissenes, vielsprachiges Kind war Steinberg im Lager anpassungsfähiger als andere. Stolz verweist er auf seine «messerscharfe Ahnung», nur ganz auf sich selbst gestellt überleben zu können, und in der Tat verdankt sich sein Durchkommen seiner Fähigkeit, zu taktieren und zu paktieren, sich zur rechten Zeit am rechten Ort zu ducken und aufzutrumpfen. Eine Hochstapelei ebnet Steinberg den Weg ins Chemikerkommando nach Buna, wo er auf Primo Levi trifft. Als «hart und unnahbar, verschlossen in einem Panzer, ein Feind aller, unmenschlich schlau und unbegreiflich wie die Schlange in der Genesis» hat ihn dieser unter dem Pseudonym «Henri» gezeichnet.
Steinberg beschönigt nichts, sein Selbstporträt des Todgeweihten als Opportunist ist geeignet, den Mythos vom edlen KZ-Opfer nachhaltig zu zerstören. Der Autor gibt sich demütig, sei es bei allem Kalkül doch letztlich das Glück gewesen, das ihn vor dem Abgrund bewahrt habe. Umgekehrt habe die «unbändige Wut» des Überlebens «letzten Endes recht behalten», worauf es heisst: «Ist das nicht Grund genug, sich als anders zu empfinden?» Etwas befremdlich Auftrumpfendes haftet diesem Satz an, und man könnte ihn überlesen, würde das Buch bei aller Traumatisierungsrhetorik nicht von Selbstbewusstsein gegenüber den Toten strotzen. So glaubt der Autor nicht nur, in der «qualitativen Analyse» ein «Phantombild des Häftlings» entwerfen zu können, «der zum Überleben bestimmt war», er eignet sich dazu den Jargon der Täter an. Von «exponiertesten Kategorien» ist da die Rede, von einem «Restbestand, der sich nicht mehr reduzieren liess», oder von «wenigen Exemplaren». Doch auch sonst wird letztinstanzlich geurteilt: «Ich sah, dass er verloren war, und er war es.»
Heikles Verfahren
Zynismus, Ironie, Gedankenlosigkeit? Erklärtermassen setzt Steinberg auf «schwarzen Humor» ein nicht abwegiges, doch heikles Verfahren angesichts der Ungeheuerlichkeit des Geschehenen. Es mag noch angehen, die Gefangenen auf Grund ihrer Kleidung als «arme frierende Zebras» zu bezeichnen, «die versuchen, vor dem Biss der Kälte zu fliehen». Doch was soll man anfangen mit «Familien, die erloschen, weil sie so gut gebrannt haben»? Begreift man Steinbergs sprachliche Fehlleistungen als Abwehr, deutet vieles auf eine Identifikation mit dem Angreifer hin. «Die Verluste waren ungeheuer», heisst es militärisch in bezug auf die Juden von Thessaloniki. Der Strafe für ein unerlaubtes Nickerchen mag der Verfasser entkommen, indes: «Meine nicht so wendigen Siesta-Gefährten bekamen bereits ordentlich was in die Fresse.» Das organisierte Töten wiederum findet immer wieder eine gnädige Metapher: «Philipp [löste] sich vor meinen Augen [auf], so wie ein Eiswürfel schmilzt.»
War da kein Lektor, kein Übersetzer, Einhalt zu gebieten? Von elementarsten sprachlichen Unzulänglichkeiten («die Ruhr gab meiner elenden Verfassung den Rest») soll hier abgesehen sein. Er habe kein «Museum der Greuel, keine Litanei der Abscheulichkeiten», aber auch «keinen Katalog des alltäglichen Lebens» verfassen wollen, schreibt Steinberg. Statt dessen kapriziert er sich auf Anekdoten, die er unerbittlich melodramatisch aufbereitet. Nichts scheint wichtiger als «jener berühmte Sonntag», an dem auf dem Appellplatz in Auschwitz ein öffentlicher Boxkampf stattfand. Der morgendliche «Ruf Aufstehen!» reicht aus, um «schicksalhaft» zu sein, oft herrscht ein Erzählton vor, als handle es sich um einen Schulausflug: «Eines Tages machte er ein düsteres Gesicht: eine Selektion stand (. . .) bevor.»
Steinberg kennt nicht die Not der Metaphern, Bilder bezieht er aus der Kulturgeschichte («Tantalosqual», «Floss der Medusa»), häufig bleibt es bei Leerformeln («der Schrecken unterscheidet sich von der gewöhnlichen Furcht wie das heftige Leiden von einem banalen Weh»). Kein Wunder, empfindet der Autor «keinen Schmerz» bei solchem Schreiben, eher «eine Art Lust» angesichts «erfüllter Pflicht». Woran eine Auschwitz-Erinnerung zu prüfen wäre? Vielleicht an der Fähigkeit des Autors, dem Leser die «Scham des [eigenen] Menschseins» (Ladislaus Szücs) mitzuteilen. Steinberg in seinem Bemühen, ein «entsprechendes, gar ein verherrlichendes Bild für [s]einen Fall» zu finden, bleibt stumm in dieser Hinsicht. Auschwitz adelt nicht, Auschwitz macht offenbar auch nicht weiser das ist das wahrhaft Erschütternde an diesem Dokument.
Andreas Breitenstein