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Produktinformation
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Niemand durfte ernsthaft erwarten, dass ein Solitär wie Bob Dylan kreuzbrav seine Lebensdaten herunterbetet. Was man hingegen bekommt -- der Mann ist Poet -- sind Schlaglichter, die eine ganze popmusikalische Epoche hell erstrahlen lassen. Kindheitserlebnisse aus Hibbing, Minnesota, huschen dabei immer wieder als trübgraue Erinnerungsfetzen vorbei. Viel hingegen liegt Dylan daran, dem Leser sein ungeheures Bildungsprogramm jener New Yorker Tage zu unterbreiten: Faulkner, Balzac, Brecht, die großen russischen Dichter und -- man staune-- von Clausewitz, der deutsche Militärtheoretiker, formten den Mann auf seiner Suche nach Wahrhaftigkeit und präzisem lyrischen Ausdruck.
Dont follow leaders... hatte er einst gesungen. Die blöd verzückten Fans, die nun bei ihrem Idol im Vorgarten herumlungerten und auf SEIN Erscheinen warteten. erzürnen Dylan noch heute zutiefst. Gedanken, die um jenen legendären Motorradunfall kreisen, der ihn in eine tiefe Sinn- und Schaffenskrise stieß, aus der ihn erst Daniel Lanois erlöste, genialischer Voodoofürst des Mischpults, der Dylan neues musikalisches Leben einhauchte. Nichtmusiker mögen die akribischen Schöpfungsdramen einzelner Songs strapaziös finden, Dylans erzählerische Kraft indes macht auch solche Werkschauen zum spannenden Erlebnis.
Detaillierte Blicke ins Innenleben von His Bobness, der sich zu Anfang seiner Chroniken als höflich, aber nicht übermäßig freundlich charakterisiert, bleiben uns weitgehend versagt. Er bleibt ein vertrauter Fremder. Alles dient der Kunst. Bob Dylan, der Weltberichterstatter, auf seinem langen, träumerischen Trip durch sein Leben. Volume Two wird sehnsüchtigst erwartet. --Ravi Unger
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Dieses Buch war vom großen Schweiger nicht zu erwarten gewesen. Nicht von, nicht über ihn und schon gar nicht so. Bob Dylan hat bereits mit dem ersten Band seiner dreibändigen „Chronicles" eine bemerkenswert unverschlüsselte, ungeschwätzige und uneitle Autobiographie vorgelegt, die Dylan vor allem als Essayisten von großer Hellsicht präsentiert.
Dylan hat Stil und Würde. Seine Sprache ist geradeheraus und präzise. Seine Begeisterungsfähigkeit gebiert Pathos, das Luthers Einsicht folgt, „wes das Herz voll ist, dem läuft das Maul über". Kein abschätziges, frivoles, gar skandalträchtiges Wort über Freunde, Weggefährten und Kollegen. Kein Altmännergeschwätz und Bettgeschichten über Liebschaften, Verflossene und Ehefrauen. Stattdessen Lob, Verständnis und Bewunderung, da und dort galante Komplimente, im äußersten Fall ein „I had other things to do" (Ich hatte anderes zu tun). Da und dort Namedropping über Idole und Lesefrüchte. Und Dylan bleibt, was er immer war, diskret, beinahe ängstlich darauf bedacht, seine und die Privatsphäre seiner Familie zu schützen. Manche haben das mit Paranoia zu erklären versucht. Man könnte es auch, nach einem seiner Songs nennen: „Dignity", Würde.
Und doch ist dies nicht das Buch eines feigen Schmeichlers, sondern eines hellsichtigen Mannes, der sich in aller Bescheidenheit falsche Bescheidenheit nicht leisten wollte. „To live outside the law you must be honest" (Um außerhalb des Gesetzes zu leben, musst du aufrichtiug sein) heißt eine Zeile in dem Song „Absolutely Sweet Mary". Er wusste, was er an sich hatte: „Picasso had fractured the art world and cracked it wide open. He was revoltionary. I wanted to be like that" (Picasso hatte die Kunstwelt aufgebrochen und weit gespalten. Er war revolutionär. So wollte ich sein.). Weil er stets wusste, auf welchen Schultern er stand, griff Dylan beherzt nach den schönsten Früchten ganz oben am Baum. Und er offenbart sich als jemand, der seine Grenzen kennt. Über den Song „What was it you wanted" von „Oh Mercy" schreibt er: „Maybe a couple of years earlier I might have rejected it, never finished it. Not now, though" (Vielleicht ein paar Jahre früher hätte ich den Song zurückgewiesen, nicht beendet. Freilich nicht jetzt.) Nun, der Mann hat annähernd tausend Lieder geschrieben.
Ohne Umschweife, ohne Vorwort, ohne überhaupt über den Titel „Chronicles" hinaus zu erklären, worum es geht, steigt Dylan ein. Erstes Kapitel „Markin' up the score". Im Deustchen mit sinnreichem Mehrsinn. Score einmal als die Partitur zu verstehen, die Dylan freigibt. Oder als die Zeche, die er abzeichnet. Oder auch: „Worum es hier geht". Es geht um seinen ersten Plattenvertrag, um den großen CBS-Produzenten John Hammond, der Dylan den ersten Vertrag gab. Und es geht um das winterkalte New York, das einen jungen Romantiker in Coffee Houses und Musikclubs empfängt, der Clausewitz liest und Fellini Filme schaut. Vier weitere Kapitel, eines über Dylans Genese als Songwriter,„The Lost Land" (Das verlorene Land), die Begegnung mit Woody Guthrie.
Dann die Zeit nach dem Motorradunfall, sein Mißbehagen um die Protestbewegung, die Belagerung seiner Familie durch sogenannte Fans und die Entstehung des eher „kleinen" Albums „New Morning" (Neuer Morgen), das dem Kapitel auch den Namen gibt. Kein Wort über die großen drei „Bringing it all Back Home",„Highway 61 Reviseted" und „Blonde and Blonde". Und Abschätziges über seine Alben dazwischen. Er spricht über eine anregende aber inkompatible Zusammenarbeit mit dem Dramatiker Archibald MacLeish. Und er wiederholt erneut: „All I'd ever done was sing songs that were dead straight and expressed powerful new realities. I had little in common with and knew even less about a generation that I was supposed to be the voice of" (Alles was ich jemals getan habe, war, grundehrliche Lieder zu singen, die machtvolle neue Wirklichkeiten ausdrückten. Ich hatte wenig gemein mit und wusste noch weniger über die Generation, deren Stimme ich angeblich war.)
Dann „Oh Mercy" (Gnade), die Zusammenarbeit mit dem kanadischen Produzenten Daniel Lanois für die Aufnahmen von „Oh Mercy" in New Orleans, dem wirklich alten Amerika. Mit hinreisenden Geschichten umrankt, nicht garniert, die Dylan als großartigen Romancier vorstellen, der seinen ersten Roman noch zu veröffentlichen hätte. Dann wieder zurück in New York, 1961, im Kapitel „River of Ice" (Eisfluss). Seine Liebe zu Suze Rotolo und seine Epiphanie über einige Songs von Bertholt Brecht und Kurt Weill. Seine Entdeckung, dass es jenseits des Folksongs eine Welt zu entdecken gilt, die eine zeitgemäße künstlerische Sprache erfordert. Dylan würde liefern und wächst zum mächtigsten Songwriter des letzten Jahrhunderts.
Das alles ist lesenwert über die Person Bob Dylans hinaus, weil Dylan so ein hinreisender, präziser, Bild-reicher Schreiber ist. Jemand der die lange Form der „Chroniken" als fünf Essays über Kunst, die Medien und die wahren Werte beherrscht. Nicht der große Rätsel-Schamane, sondern ein kenntnisreicher, gebildeter Mann, der die Widersprüche nicht auflöst, sondern in einem Bild zusammenfasst, so dass wir sie erkennen können.
Diese Besprechung basiert auf dem amerikanischen Original
Ich habe schon viele Buchbesprechungen gemacht, das ist ein schönes Hobby, aber diese hier ist eine ganz besondere. Denn Bob Dylan war in meiner Pubertät einer der wichtigsten Helden. Und ausser den Helden der Kindheit sind es nur noch die Helden vor dem Erwachsenwerden, die uns fürs Leben prägen. Klar, dass ich da ungeheuer neugierig drauf war, welche Geschichten mein Held von damals preisgibt. Oder was ihm seine Erinnerungen erzählen. Und ich wollte die frühere Gewissheit bestätigt haben, dass ich mir einen interessanten Menschen zum Vorbild genommen habe, dass seine Texte es wert waren, in stundenlanger Arbeit von mir übersetzt zu werden, dass mein Held ein guter Held war. Sorry, die lange Einleitung macht's deutlich: Ich bin parteiisch.
Ich sah das Buch in der Buchhandlung, sein besonderes Format, das wunderschöne Titelbild, der schöne Font: BOB DYLAN. Dann die erste Enttäuschung, kein einziges Bild im Innern. Gleich darauf wieder Trost, das phantastische Foto des jungen Bob Dylan auf der Rückseite. Ehrfürchtig tauchte in die Buchstabenwelt ein und war erleichtert, dass das Buch nicht mit der Geburt beginnt. Chronologie ist etwas für die Wissenschaft, nicht für das Erzählen vom eigenen Leben. Mich hat die Komposition dieser Autobiographie sehr angesprochen. Obwohl sein Leben von Aussenstehenden sehr gründlich dokumentiert wurde, gibt uns Bob Dylan seine eigenen Erinnerungen wieder. Oder macht zumindest den Versuch.
Was ist mir geblieben, von dem was Bob Dylan geblieben ist: Bob Dylan ist Musiker, durch und durch. Er wollte schon sehr früh einfach Musik machen. Was von aussen wie ein unglaubliches Investment in dieses Ziel aussieht, war sein vorbestimmter Weg. Wie ein Schwamm sog er alles auf, was mit Folk zu tun hatte. Unersättlich war seine Lust auf starke Texte, starke Melodien. Daher spielen Musiker, Schallplatten, Clubs, andere Menschen die Hauptrollen in dieser Autobiographie. Ich verstehe das. Aber mich erreichten die Stellen mehr, in denen Bob Dylan als Sprachkünstler auftritt, Gefühle in Wortmetaphern verpackt, Bilder komponiert. Es sind erfreulicherweise immer die Passagen, in denen mein Jugendheld mich mitnimmt und mich an Veränderungen teilhaben lässt. Das ergab beim Lesen eine Art Dylan-Musik: Diese Wechsel zwischen Schleppendem und Blitzlichtartigem. Immer wieder Hammersätze wie „Meine Jugend verbrachte ich vorwiegend mit Warten", „Radioserien waren mein fliegender Teppich" oder „Damals, als kein Ende meiner Jugend in Sicht war." Dann wieder Pause. Bob Dylan hatte schon immer eine faszinierende Interpretation von Vollleistung.
Bob Dylan ist auch Familienmann. Das kommt eindrücklich rüber, wenn er davon erzählt, wie es ihm kaum gelang, seine Privatsphäre zu schützen. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes erwartete eine ganze Generation von Bob Dylan, dass er sie führt, sich als Person in den Widerstand eingibt, verbal Stellung bezieht. Seine Verweigerung wurde ihm übel genommen. Heldenleben werden eigengesetzlich, lassen sich nicht mehr steuern. Bob Dylan schützt sich noch immer. Was von seinem Innenleben nach draussen dringt, kommt über das Medium Musik.
Es ist ein Buch von grosser Nähe und Ferne. Und das widerspiegelt das Verhältnis zwischen Star und Fan. Alles andere wäre Anbiederung. In einer Phase, in der ich mehr über Leben und Tod nachdenke als auch schon, hat mir dieses Buch gut getan. Ein guter Alterspower geht von ihm aus. Denn forever young ist niemand. Schön, dass Bob Dylan eine ganz normale Biographie schreibt.
Gelesen habe ich das Buch in Deutsch, weil dies meine Muttersprache ist. Aber die englische Ausgabe ist bereits bestellt.
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