Obwohl ich mir eigentlich geschworen habe, beim Rezensieren nur auf Tonträger und Filme einzugehen, möchte ich hier einmal eine kleine Ausnahme machen.
Der Grund dafür liegt darin, dass ich den teilweise eher nicht so tollen Kritiken überhaupt nicht zustimmen kann.
CHRONICLES (Vol. 1, der 2. Teil soll angeblich (?) bald folgen) ist die interessanteste und "lyrischste" Biographie, die mir bislang jemals untergekommen ist. Gut, kein Wunder eigentlich - nicht erst seit gestern gilt Bob Dylan als mindestens ebenso guter Schreiber wie auch Musiker.
Dass es ihm aber gelungen ist derart authentisch, intelligent und witzig über sich und Teile seines Lebens zu erzählen, war dann meines Erachtens aber auch nicht unbedingt zu erwarten.
Dylan beschreibt viele Erinnerungen aus seiner Frühzeit als Musiker, als er nämlich eigentlich noch gar kein bekannter Vertreter dieser "Gattung" war: kitschige Popmusik, uralte Folkplatten, Idol Woody Guthrie, eiskalte Winter in New York... und nicht zuletzt natürlich auch viele Menschen, denen er dort und auch später noch dabei über den Weg gelaufen ist. Mit viel (wenn auch geschickt verpacktem) Charme und Raffinesse beschreibt er das Äußere von Menschen, die ihm offenbar wichtig waren und sind, so dass ihr tiefstes Inneres (soweit man das als Leser halt sagen kann) dabei "splitternackt" und ungeschönt (und eben gerade dadurch erst richtig SCHÖN) zum Vorschein kommt.
Und auch sich selbst öffnet der gute Mr. Dylan ein wenig. Schon alleine durch den Prozess des Schreibens findet eine Art Selbstöffnung und -offenbarung statt, die einen das ganze Buch hindurch begleitet.
Und das Buch ist schnell gelesen: Es fiel mir wirklich schwer, das Buch wieder aus der Hand zu geben, wenn ich einmal damit begonnen hatte!
Natürlich erzählt der große BOB auch von anderen Zeiten. Von den Achtzigern zum Beispiel und wie es sich anfühlte "Oh Mercy" aufzunehmen, nachdem ihn die halbe Welt praktisch für musikalisch-klinisch tot erklärt hatte... Und dabei machte es Mr. Dylan offenbar nicht einmal gar so viel aus, wenn sich sogenannte Fachmänner und Experten Sorgen um seine Karriere machten. (Er schafft es, das zu sagen, ohne jemanden heruntermachen zu müssen!) Entwaffnend ehrlich und sprachlich wirklich gekonnt (aber nicht unnötig "geschönt") sagt die matte Ikone, was sie sich denkt...
Tja, man braucht sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn man - so wie Bob Dylan - die Fähigkeit besitzt, ein echtes Schreibtalent zu sein. Man kann mit Sprache - auch ohne 99mal f... zu sagen (oder es aufzuschreiben) - provokant sein, authentisch, offen, humorvoll, galant und ehrlich.
Er ist schon ein abgebrühter Fuchs, dieser Bob Dylan! Er weiß was er will. Und er macht's einfach. Und wenn ihm die Welt dabei zuhören und zusehen möchte (und ihm Geld dafür in den Hut wirft), kann's ihm eigentlich nur recht sein...
Ich denke, umgekehrt wär's auch der Welt (mir vor allem!) sehr recht, wenn Mr. Dylan sich dazu entschließen kann ein CHRONICLES Vol. 2 nachzuliefern.
Darauf würde ich mich wirklich sehr freuen, genauso wie aufs neue Album, das im Juli erscheinen soll!
FORTSETZUNG UNBEDINGT ERWÜNSCHT!
Fazit: Die beste Biographie, die ich je gelesen habe - da ziehe ich bescheiden meinen Hut und bedanke mich für die vielen schönen Bilder, die mir Herr Dylan mit seiner Sprache in den Kopf gesetzt hat. THANK YOU, MR. DYLAN!!