Selten habe ich mich so vergriffen wie bei diesem Buch. DAWNTHIEF steht für so ziemlich alles, was ich in Fantasy nicht mag. Es ist eine Rette-die-Welt-Quest mit Schwerpunkt auf blutigem Gemetzel und Glorifizierung von Männergemeinschaften. Die Handlung hat die Komplexität und Vorhersehbarkeit eines Computerspieles, die stilistische Ausführung ist unter jedem Hund und von Charakterisierung möchte ich gar nicht sprechen.
Die Geschichte dreht sich um den "Raven". Er ist die beste Söldnertruppe des Landes und verdankt seinem Erfolg seiner eisernen Loyalität und Integrität seiner Mitglieder (zuerst kommt der Raven, dann lange niemand - Töten im Kampf: ja, Morden: nein - wir gewinnen immer und wenn was schief geht, sind die anderen schuld).
Doch mittlerweile sind die Söldner in ihren Dreißgern und haben ihren Zenit überschritten. Vor ihrer wohlverdienten Pension nehmen sie einen letzten, gut dotierten Auftrag an, der sich schnell in eine Katastrophe verwandelt. Sie entdecken das Eine, das wichtiger ist als der Raven, das Überleben ihrer Heimat. Um Balaia von den Wytchlords und ihren Armeen zu schützen, müssen sie einen mächtigen Zauberspruch finden, den Dawnthief.
Für charakterorientierte Leser ist dieses Buch nichts. Barclay verwendet zahlreiche Perspektivenwechsel, die im Gegensatz zu Abercrombie nicht dazu führen, dass man die Charaktere besser kennenlernt. Die Eindrücke, die man erhält, sind im besten Fall schemenhaft, im schlechtesten widersprüchlich. Selbst Beschreibungen von Aussehen, Kulturmerkmale, etc. sind minimal. Die Söldner werden als Barbaren bezeichnet, obwohl sie derselben Kultur angehören wie alle anderen und Elfen kennzeichnen sich durch spitze Ohren. Die einzige Raven-Frau, Erienne, ist entweder hysterisch, eiskalt berechnend oder nicht wahrnehmbar (wird oft seitenlang nicht erwähnt). Vom Feind, den bösen Wytchlords und ihren Schamanen, erfährt man ohnehin nichts Genaueres.
Aber genauere Charakterisierung wäre ohnehin überflüssig. Denn nicht nur die Gegner des Raven sterben wie die Fliegen, sondern auch die Söldner selbst. Nur der Bodycount der 10 kleinen Negerlein ist höher! Aber gut, das könnte man auf den "grimmigen Realismus" schieben. Nur ist leider sonst nichts realistisch!
Wenn dem Raven die Mitglieder auszugehen drohen, rekrutieren sie auf der Straße. Das ist deswegen seltsam, weil sie sich als die beste Söldnertruppe des Landes brüsten und ihr Erfolg auf ihrem starken Zusammenhalt und ihrer langjährigen Zusammenarbeit gründet. Vielleicht fehlt mir als Frau das Verständnis für die Bande von Männergemeinschaften, aber wenn Hirard, der nominelle Anführer des Raven, ihre Gemeinschaft und ihre Werte beschwor, wurde mir schlecht. Jeder, der kein Raven ist, ist mit Misstrauen zu begegnen und wenn sich die anderen nicht eingemischt hätten, hätten sie den Dawnthief schon gestern gefunden! Seltsam ist, dass früher oder später ihm jeder diese Rethorik abkauft. Dass Hirard dabei manchmal wie ein trotziges Kind wirkt, das denkt, sein Weg sei der einzig richtige, ist unvermeidbar und macht ihn nicht gerade sympathisch. Der Raven wird als das Über-drüber Ding dargestellt, nur konnte ich nicht nachvollziehen wieso!
Abgesehen von Gemetzel und Selbstbeweihräucherung, wird viel Zeit für die Erklärung des Magiesystems aufgebracht (erfolgt zumeist in der Form von Nachhilfestunden für Hirad, der nicht besonders helle ist). Die Erklärungen sind nicht uninteressant; die Zauberer in Aktion zu sehen, hat mir jedoch den einen oder anderen Lachanfall beschert. Barclay verwendet allen Ernstes Worte wie "HardShield!", "ShadowWings!" oder "HellFire!" als Zaubersprüche. Zusammen mit der mangelhaften Charakterisierung und der einfach gestrickten Handlung verstärken sie den Eindruck eines Computerspiels.
DAWNTHIEF ist das erste und letzte Buch, das ich von James Barclay gelesen habe.
Chronicles of the Raven: DAWNTHIEF (Zauberbann, Drachenschwur), NOONSHADE (Schattenpfad, Himmelsriss), NIGHTCHILD (Nachtkind, Elfenmagier)
Legends of the Raven: ELFSORROW (Schicksalswege, Elfenjagd), SHADOWHEART (Schattenherz, Zauberkrieg), DEMONSTORM (Drachenlord, Heldensturz)