Es sei mal dahingestellt, wie sinnig der Titel "Chrome Dreams II" ist. "Chrome Dreams I" hat es ja offiziell nie gegeben, und diejenigen, die den Bootleg ihr eigen nennen dürfen, werden sich sicherlich an dieser Rarität freuen. Aber einen richtig engen Bezug zwischen beiden Alben gibt es für mein Dafürhalten jedoch nicht. Aber egal.
"CD II" ist ein tolles Album geworden, jeder Track was Besonderes und insgesamt ein aufregender Streifzug durch das Schaffen des Meisters. Die beiden Stand-Out Tracks sind natürlich die Mammut-Werke "No Hidden Path" und "Ordinary People". Erst genannter Song ist mit gut 14 Minuten das zweitlängste Werk, das Neil Young bisher veröffentlicht hat. Es steht in der großen Tradition von "Cowgirl in the Sand", "Down by the River", "Love and only Love" sowie "Love to Burn". Eine phantastische Gitarre mäandert durch den Song und man verliert jedes Zeitgefühl. Wie hieß es damals im "Musikexpress" doch so schön, als Ragged Glory 1990 herauskam:
"Seine archaischen Soli glühen neben den Harmony Vocals wie schmelzendes Glas. Es gibt nichts vergleichbar Bewegendes, Aufwühlendes und Abgeklärtes." Besser kann man "No Hidden Path" nicht bechreiben.
Und dann gibt es da noch "Ordinary People" der Heilige Gral der unveröffentlichten Neil Young Songs. Er spielte das nur ein paar Mal 1988 mit den Bluenotes, und seitdem ranken sich Legenden und Geschichten um dieses Meisterwerk. Als ich es 1990 dann endlich auf einem Bootleg das erste Mal hörte, war ich von den Socken: Zum einen, wie großartig dieser Song war, zum anderen, warum dieser Song nicht veröffentlicht worden war. Jahre vergingen, als geneigter Fan wartete man auf die Archives und hoffte zunehmend ungeduldig, dass "Ordinary People" endlich veröffentlich würde. Aber nichts geschah, und "Ordinary People" schlummerte unveröffentlicht im Keller.
Doch nun ist es endlich so weit, und alle Menschen, die nur einen Schimmer von Sympathie für Neil übrig haben, sollten sich schleunigst diesen Song anhören. Ergreifend, bewegend, dynamisch. Was bei jedem anderen Musiker zu einem leicht peinlichen Moralstück geworden wäre, gerät Neil Young zu einem epischen Kampf zwischen "Gut" und "Böse". Mehr will ich gar nicht dazu sagen, denn anhören geht über studieren.
PS: Wer doch einmal die Gelegenheit haben sollte, die Original-Live-Versionen von 1988 zu hören, sollte sich das nicht entgehen lassen, da hier Gesang und insbesondere Bläser noch druckvoller rüber kommen.