Armin Sierszyn, Professor für Historische Theologie und Pastoraltheologie sowie Prorektor an der STH Basel, mag dem einen oder der anderen unter den Lesern bereits durch seine Kirchengeschichte oder durch sein grundlegendes hermeneutisches Werk "Die Bibel im Griff?" bekannt sein.
In ersten Hauptteil seiner nun vorgelegten Studie zur Christologischen Hermeneutik bietet Sierszyn eine umfassende Darstellung der Entstehung und der Grundlagen der historisch-kritischen Methode. Dabei nimmt er nicht nur auf prägende Theologen wie Johann Salomo Semler und Ernst Troeltsch, sondern vor allem auch auf die Entwicklung eines technischen Wirklichkeitszugangs und dessen Übertragung auf Bibel und Theologie Bezug. Ein solcher Wirklichkeitszugang drückt sich darin aus, dass das menschliche Denken sich selbst zum Maßstab macht, als Subjekt im Zentrum steht - und damit den Text zum Objekt macht. Somit wird - ausgehend von René Descartes - streng zwischen dem Text als Sache und dem menschlichen Geist getrennt. Entsprechend, folgert Sierszyn, müssen sich in die Gegenstände in einem solchen Weltbild nach der menschlichen Erkenntnis richten.
Sierszyn schließt an die Darstellung die Kritik der historisch-kritischen Denkart und Theologie an. Diese erfolgt maßgeblich durch den Verweis auf die Inkarnation, die durch den Eintritt des göttlichen Logos ins Fleisch gerade eine Überwindung der Trennung zwischen Geist und Sache bedeutet. An dieser Stelle erfolgt die Darstellung der Hermeneutik Hans Georg Gadamers, denn Sierszyn sieht einen grundlegenden Unterschied zwischen Gadamer und der historisch-kritischen Forschung darin, dass für Gadamer Sprache und Sache nicht getrennt werden können, sondern stets als zusammengehörig betrachtet und behandelt werden müssen. Besonders betont wird die Bedeutung, die Texte für Gadamer haben: Sie sind nicht als Ausdruck der subjektiven Meinung des Verfassers zu betrachten, sondern sollen selbst mit der ihnen eigenen Autorität gehört werden. Es ist Aufgabe des Lesers, "im Dialog mit dem Text [...] in die Sache ein[zutauchen]" und sich offen zu halten für den Anspruch, den die "Wahrheit des Textes an [ihn] richtet" (51). Die Beschäftigung mit einer Sache erfordert laut Gadamer auch immer, sie in der ihr eigenen Konsequenz zu entwickeln. Entsprechend muss das Denken sich an die durch die Sache gesetzten Grenzen halten: "Die biblische Seinsordnung verlangt eine ihr entsprechende Erkenntnisordnung." (53)
Der zweite Hauptteil setzt sich mit der kanonischen Theologie auseinander, die Sierszyn ambivalent betrachtet: So sieht er in der Orientierung am kanonischen Endtext als sachlich primären Kontext für die Auslegung die Chance für einen neuen Zugang zum inspirierten Wort. Kritisch bewertet er dagegen die Verbindung des kanonischen Ansatzes mit der postmodernen Prämisse des offenen Textbegriffs, da dann nicht mehr die Orientierung an dem vom Text gestifteten Sinn erfolgt.
Dabei ist zu beachten, dass - gerade im Hinblick auf das einleitend zitierte Werk - nicht von einem einheitlichen kanonischen Ansatz ausgegangen werden kann. Entsprechend stellt Sierszyn verschiedene Vertreter mit ihren unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen dar, wodurch eine gute Einführung und Übersicht über die kanonische Exegese entsteht. Dabei wird auch deutlich, dass die Frage nach der Kompatibilität von kanonischer und historisch-kritischer Exegese unterschiedlich beantwortet wird. Entsprechend bleibt die Frage im Raum stehen, ob durch die kanonische Exegese eine wirkliche Hinwendung zu einer biblischen Offenbarungstheologie geschaffen werden kann.
Der dritte Hauptteil beschäftigt sich mit der biblischen Theologie, die von Sierszyn selbst vertreten wird. Nach seiner Auffassung eignet der Bibel als göttlicher Offenbarung eine Qualität sui generis zu, die auch in der theologischen Arbeit Beachtung finden muss. So sei es für verantwortungsvolle theologische Arbeit notwendig, sich zunächst vom Text als Gottes Wort ansprechen zu lassen und dem Ereignischarakter des Wortes Beachtung zu schenken. Unter Verweis auf die personale Mitte der Schrift, Jesus Christus, und dessen Inkarnation weist Sierszyn eine Trennung von Geist und Sache entschieden zurück - die Schrift als offenbartes Ganzes ist für das theologische Arbeiten maßgeblich. Es folgen grundlegende Bemerkungen zum Verständnis von Theologie als Wissenschaft sowie zum Verhältnis von Offenbarung und Geschichte. Zusammenfassend nimmt Sierszyn nochmals auf die Unterschiede zwischen historisch-kritischer und biblischer Theologie Bezug und stellt die Stärken der biblischen Theologie heraus: So nehme diese ernst, dass menschliches Denken nicht unbedingt dem biblischen Denken entspreche und verstehe sich selbst nicht als Subjekt des Verstehensprozesses. Vielmehr sei die Bibel als sich selbst erschließende Offenbarung das Subjekt dieses Prozesses, das menschliche Denken dagegen das Objekt. Der Abschnitt stellt eine knappe und präzise Einführung in die Prämissen der biblischen Theologie dar, wobei - gerade im Hinblick auf die Zielsetzung der vorgelegten Studie - die Rezensentin an dieser interessanten Stelle eine ausführlichere Bezugnahme auf die Philosophie Gadamers erwartet hätte.
Insgesamt stellt das vorliegende Werk Sierszyns eine wichtige Orientierungshilfe dar, um verschiedene hermeneutische Ansätze sinnvoll einzuordnen und zu bewerten. Die Studie ist sehr gut lesbar durch die stringente Argumentation und die verschiedenen Beispiele und somit bereits für Studienanfänger gut geeignet, die sich einen Überblick über hermeneutische Fragestellungen, über die Entstehung der historisch-kritischen Methode und über die biblische Theologie verschaffen möchten. Inhaltlich erscheint auch die Vergegenwärtigung des philosophischen Ansatzes von Gadamer der Rezensentin durchaus lohnend, wenngleich zwischen der Hermeneutik Gadamers und der biblischen Theologie nur sehr wenige Bezüge gesetzt werden und die Frage gestellt werden muss, ob Gadamer nicht einseitig für die Kritik von historisch-kritischer bzw. kanonischer Theologie vereinnahmt wird - hier wäre eine differenziertere Auseinandersetzung notwendig gewesen. Nicht notwendig erscheint der Rezensentin dagegen, dass Sierszyn auf den letzten Seiten vom nüchtern-argumentativen in einen apologetischen Stil verfällt - bei der von Sierszyn vorgelegten ausgezeichneten Argumentation sind die von ihm vertretene Konsequenzen aus der hermeneutischen Debatte auch so einsichtig.
Katja Willunat
ichthys 27 (2011), 275-277