Die gute Nachricht zuerst: Mr. Tambourine Man nimmt wieder Drogen! Die schlechte: Es sind die falschen!" So oder so ähnlich dürften die Kommentare geklungen haben, als die ersten Gerüchte im Internet zirkulierten, dass Bob Dylan (Ja, der Bob Dylan!) eine Platte mit Weihnachtsliedern veröffentlichen würde. So oder so ähnlich habe auch ich gedacht, als ich davon las. Nun ist sie also da: Christmas In The Heart" - außen ein grauenhaft kitschiges Cover mit verschneiter Dorflandschaft, Pferdeschlitten, Kutscher und muffbewehrter Lady. Innen ein Pin-Up-Girl mit Santa-Mütze, rotweißem Mantel und pelzbesetzten Stiefelchen, das dem Betrachter die üppigen Brüste entgegen reckt. Columbia Christmas Recording" lese ich auf dem in festlichem Rot gehaltenen Silberling. Und dann? Here Comes Santa Claus, here comes Santa Claus" röchelt der alte Kannibalenhäuptling, und ein gar lieblicher Engelschor säuselt: Right down Santa Claus Lane". Ja, Onkel Bob nimmt wieder Drogen - aber diesmal sind es die richtigen. Um es kurz zu machen: Diese Platte ist ein Meisterwerk. Hätte Barbara Streisand die gleichen Songs im selben Arrangement aufgenommen, wäre das der ultimative Stimmungskiller unter dem Tannenbaum geworden. Verstaubter Mainstream bis zum Abwinken. Doch Onkel Bob ist nicht Barbara Streisand. (Die, falls Sie das nicht wissen sollten, ebenfalls der jüdischen Kultusgemeinde angehört und somit eigentlich keine Weihnachtslieder singen dürfte.) Dylan - und daran kann kein Zweifel bestehen! -, liebt diese Art von Musik. Wer das nicht glauben mag, sollte mal bei einer der um die hundert Folgen seiner Theme Time Radio Hour" reinhören. Er tut das, was man von einem Genie erwarten darf: Er tut das Unerwartete. Die ausgefeilten, ja, fast zuckersüßen Arrangements konterkariert er mit seiner Totengräber-Stimme und schafft es dergestalt, eine Hommage und gleichzeitig eine ironische und höchst unterhaltsame Dekonstruktion dieser zu Tode genudelten Standards abzuliefern. So wechseln Momente stiller Einkehr (Hark The Herald Angels Sing", The Christmas Blues", The Christmas Song") nahtlos mit Phasen augenzwinkernder Hintertriebenheit (Here Comes Santa Claus", Christmas Island"). Insgesamt handelt es sich um ein höchst homogenes Werk,. Dennoch erlaube ich mir, zwei persönliche Favoriten zu nennen: zum einen die herrlich überdrehte Polkaversion von Must Be Santa" - zweifelsohne die schnellste Nummer, die Dylan jemals abgeliefert hat. (So schnell, dass David Hidalgo an einer Stelle mit dem Akkordeon nicht mehr hinterher kommt! Ein kleiner, kostbarer Moment, der vom Produzenten Jack Frost (!) alias Dylan natürlich nicht korrigiert wurde!) Und zum anderen der ultimative Judy-Garland-Klassiker Have Yourself A Merry Little Christmas", den Dylan mit so viel Gefühl und Empathie singt, dass es einem Tränen in die Augen treibt. Natürlich ist das nur Spekulation, doch ich denke, der Meister hat sich hier ganz tief vor dieser Künstlerin verbeugt, die, wie er, aus Minnesota stammte, und leider viel zu früh an den Folgen ihres Ruhms zerbrach.
Bob Dyan ist 68 Jahre alt. Er hat Millionen Platten verkauft, Reichtum und Ruhm erworben, das Leben von ungezählten Menschen auf die ein oder andere Weise beeinflusst. Er muss niemandem etwas beweisen. Er muss keine Rücksicht auf Wen-auch-immer nehmen. Er tut das, was er tun will - und sein Status als lebende Ikone gibt ihm jedes Recht dazu. Wenn er sich demnächst entschließen sollte, Bach's Goldberg-Variationen auf dem Kamm zu blasen, so what? Größe und Talent kann man nicht kaufen - man muss sie sich verdienen. Merry Xmas, Onkel Bob!