Aus dem Stegreif ist mir nur noch eine einzige weitere Chor-Oper neuerer Zeit bekannt, und das ist Stockhausens kaum beachtetes Nebenwerk "Atmen gibt das Leben", das einige - im ganz regulären Sinne - schöne Passagen für Stimmen enthält, noch nicht formelhaft ist, aber aus visueller, inszenatorischer Sicht etwas albern und ungelenk auf die Bühne gebracht wurde in den 70ern. Einen Chor als Protagonisten, als kollektive Figur? Schwierig, außer man macht ein Ideentheater daraus. So geschehen bei "Angst", was in Weimar 2010 offensichtlich besser gelang als damals bei der Uraufführung in Berlin. Aber all das ist für zahlende Zuschauer von Bedeutung, dem Hörer entgeht das, er muss der Musik vertrauen, dem Libretto, den Musikern, nicht einer Regisseurin, nicht dem Bühnenbildner. Christian Josts Meisterstück funktioniert auch ohne die Augen zu öffnen. Ein manchmal introspektives, somnambules Werk, dann wieder kräftig, expressiv, von hoher Dichte und einem Ernst, der an keiner Stelle prätentiös, pastos, pathosgetränkt, gar kühl distanziert wirkt, gleichzeitig aber nicht eine existenzialistische, philosophisch belastete Entscheidung (den Fall "Joe Simpson") pastellig-süßlich verglühen lässt. Keine stacheligen Klangtuberkel, Silbengedresche, niemand hustet, würgt und klopft mit den Händen gegen nackte Truthähne, falls das jemand befürchten sollte. Vielmehr eine intensive Erfahrung, die nicht alle Ausdrucksformen für Chor- und Orchesterbehandlung ausschöpfen muss und trotzdem maximale Wirkung erzielt - aber auch nur dann, wenn man sich der Partitur mehrmals hingibt.
Der Komplex "Angst" wird auf unterschiedliche Weise von Jost bearbeitet, das Bergsteigerdrama ist nur ein Aspekt unter mehreren. Auch wird keine Geschichte erzählt, und "Rollen" gibt es ohnehin nicht. Das Trauma nach einer Folter mit Stromstößen, der dunkle Keller mit den sich ankündigenden Monstrositäten, die Ungewissheit vor dem Tod, das abgetrennte Seil an der Steilwand, Töten um nicht selbst getötet zu werden. Hölderlin, der unvermeidliche Hölderlin, auf den schon Heinz Holliger und gefühlte fünfzig andere deutschsprachige Komponisten rekurriert haben, wurde von Jost ausgewählt (2. Satz, für Chor a capella), man mag das für vordergründig halten, ausgerechnet Hölderlin, aber sein dreiversiges Gedicht fügt sich sehr gut ein. Auch der Abschluss ("Ab") braucht kein Orchester und ist an emotionaler Wucht, die gleichzeitig so weit von Sentiment entfernt ist wie irgend möglich, dass man im dunklen Zimmer, zwischen den Boxen, in einen merkwürdigen, transzendenten Zustand geraten kann. Jost kann auch hart zugreifen, so am Ende der dritten Pforte ("Amok"), in die ein gesprochener Bericht über ein Folteropfer einmontiert ist. Vielleicht ist dieses Mittelstück nicht ganz so überzeugend, die kompositorischen Mittel etwas zu einseitig (bis auf den orchestralen, erschütternden Abschluss), doch es folgt der vierte Satz, und der hat wieder die Stärke und Präsenz von "Fallen". Josts Libretto unterliegt dem Niveau der Musik, die sprachlichen Bilder wirken zuweilen wie aus zweiter Hand, es hätte weniger naturwissenschaftlich, eher poetischer sein können, aber den Wert der Musik schmälert dieses Defizit nicht. Ein wenig übertrieben ist das Artwork der Produktion: Das sich auf jeder Seite zeigende Seil nervt, weil es metaphorisch überfrachtet, auch noch in DNA und Knochen verwandelt wird, es erschwert zudem die Lesbarkeit der Liner Notes und des Librettos. Doch das sind Kleinigkeiten. Christian Jost ist jedenfalls ein Künstler, der viel zu sagen hat, es auf überzeugende Weise sagt, und uns alle noch gehörig überraschen wird. Fast Höchstwertung.