Christian Anders war früher der König der Hitparade, er sang von Liebeskummer und Sehnsucht ("Es fährt ein Zug nach Nirgendwo"), schmückte die Titelseite der Bravo und verkaufte 30.000 Schallplatten am Tag. Er gründete eine eigene Schallplattenfirma und besaß bald ein Vermögen von umgerechnet vier Millionen Euro. Im goldfarbenen Rolls Royce ließ er sich zu seinen Auftritten chauffieren. In Anlehnung an die Kühlerfigur nannte Anders den Wagen „die göttliche Emily“.
Welche Liebesgefühle Anders seinem Wagen damals entgegenbrachte, schilderte Dieter Thomas Heck 1988 in seiner Autobiographie ("Der Ton macht die Musik"): Der Chauffeur durfte sich beim Fahren nicht die winzigste Unachtsamkeit erlauben. Passierte es einmal, dass er sich beispielsweise verschaltete, ließ Anders ihn anhalten, aussteigen und mit gesenktem Haupt neben der Straße niederknien. Anders rügte ihn: „Du hast der göttlichen Emily weh getan, deshalb bekommst du jetzt eine Strafe.“ Dann gab er dem Chauffeur eine Kopfnuss und dieser musste aufstehen und den Rolls Royce demütig küssen. Laut Heck hielt sich Anders schon damals für Napoleon. Von einer Pressejury bekam er 1974 die "Goldene Distel" verliehen, als unbeliebtester Schlagerstar.
Etwa zu der Zeit, als Heck seine Autobiographie veröffentlichte, wanderte Anders aus, zunächst nach Marbella, dann in die USA. Als schuldenbeladener Flüchting hatte er längst einiges hinter sich: Spielsucht und Schlägereien, gescheiterte Projekte, zu teure Häuserkäufe und Filmproduktionen. Die Drehbücher dazu hatte er selbst geschrieben, die Filme aus eigener Tasche finanziert. Der deutsche Schlager war endgültig zum Erliegen gekommen.
In Kalifornien lebte Anders einige Zeit obdachlos und schlief am Strand, auf Parkbänken oder unter der Brücke, wo ihn Sandra Maischberger für ein Interview aufgabelte. Er suchte den Sinn des Lebens, interessierte sich für Buddhismus, schrieb esoterische Bücher, ließ sich die blonden Haare schulterlang wachsen und nannte sich fortan "Lanoo". Anders fand Unterschlupf bei einer Gönnerin und trat als TV-Priester im amerikanischen Fernsehen auf. Seitdem glaubt er an Karma, die Wiedergeburt und lebt nach den Werten des Frühbuddhismus.
1993 kehrte Anders nach Deutschland zurück und produzierte im Jahr darauf gleich ordentlich Schlagzeilen: Sein Bruder, der Politiker Dieter Schnitzel, saß wegen versuchter Hehlerei in Untersuchungshaft und Anders demonstrierte für ihn: splitterfasernackt an das Schweinfurter Gefängnistor gekettet.
Seine 37 Jahre jüngere Freundin Jenna Kartes lernte Anders auf einem Konzert in Karlsruhe kennen. In einer Fernsehsendung beteuerten beide ihre Seelenverwandtschaft. Jenna schwärmte von ihrem Christian als „einen der wenigen Gentlemen, die es noch gibt“.
2001 saß „Gentleman“ Christian Anders in Berlin, war leberkrank und so pleite, dass er nur noch einen Ausweg sah: er verkaufte seine Jenna an den Kitsch-Millionär Michael Leicher aus Bochum, nach dem Vorbild des Films "Ein unmoralisches Angebot" (1993 mit Demi Moore und Robert Redford). Laut „Vertrag“ sollte Anders seine Freundin Herrn Leicher für ein Jahr „überlassen“ und dafür umgerechnet 250.000 Euro kassieren. Dafür dürfe Leicher mit der jungen Frau „in allen Lebensbereichen“ verkehren. Anders beklagte seine Situation: Er sähe keine andere Möglichkeit, sein Finanzproblem (Steuerschulden) in den Griff zu kriegen.
Während befragte Rechtsanwälte vom „sittenwidrigen Vertrag“ und von „Zuhälterei“ sprachen, erklärte Jenna, sie tue es aus Liebe zu Christian. Einige Zeit später war auch bei Jenna die Liebe raus. Sie und Anders versuchten ihre Beziehung zu kitten, bei Arabella Kiesbauer öffentlich in der Talkshow.
„Man muss nicht alles glauben, was in der Presse über mich steht.“, sagte Anders später, „manches erfinde ich auch selbst.“ Die verkaufte Braut-Story soll demnach eine Zeitungsente gewesen sein, behauptet Anders und schiebt „dem Mann von der Bildzeitung“ die Schuld zu. Nur, damals sah man in der Fernsehreportage eindeutig Christian Anders, der krank im Bett lag an Jennas Busen, um Mitleid jammerte und seine Braut feilbot.
Irgendwann danach kündigte Anders seinen Selbstmord an. Am 19. Mai 2002 wollte er sich in Berlin die Kehle durchschneiden. Nun ist besagter Termin schon lange vorüber und Anders lebt noch immer.
Zwischendurch führte der ehemalige Schlagerstar im Fernsehstudio seine Karate-Künste vor (mit obligatorischem Schrei) und äußerte seine fundierte Meinung zur Leistung der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 2006. Auf seiner Homepage schrieb er einen offenen Brief an Michael Ballack: er sehe eine Beinamputation „in dessen Aura“. Anschließend „behandelte“ er Ballack, dessen Einsatz im Eröffnungsspiel wegen einer Wadenverletzung fraglich war, eine Stunde lang „fern“.
So oder so, der umtriebige Anders wusste stets auf sich aufmerksam zu machen. In den siebziger Jahren drehte das „Univeralgenie“ Karate-Filme: "die Brut des Bösen" und "Die Todesgöttin des Liebescamps". Es waren witzige Versuche, Bruce Lee zu imitieren. In seinen Filmen ließ sich Anders durch eine maskuline Stimme synchronisieren. „Das Wort Niveau nehme ich für mich mit Vorsicht in Anspruch.“, sagte er damals im Interview.
Glaubt man Anders, dem „Rufer in der Wüste“, so hat er auch Jerry Cotton-Romane geschrieben, im Mordprozess gegen O. J. Simpson als Zeuge ausgesagt und eine klassische Sinfonie für Leonhard Bernstein komponiert. Bei seinem Lieblingsitaliener in Berlin saß er mit Gerhard Schröder am Tisch. In Marbella wohnte er vier Jahre lang bei Sean Connery, der ein Lied für ihn schrieb und die Fotos seiner Plattencover schoss.
Und natürlich hat Anders Voraussagen gemacht, die „alle eingetroffen“ sind: schon lange vorher das World-Trade-Center-Attentat, die erste Bush-Wahl, den Fall der Mauer und die Räumung des Gaza-Streifens: „Dies alles habe ich vorausgesagt und es ist auch eingetroffen.“
In der Pro7-Show Die Burg (2005) war Anders „prominent im Kettenhemd“ und eifrigster Bewerber um den Titel des „Burgkönigs“. Dafür war „das größte Multi-Talent auf unserem Planeten“ bereit, einiges zu tun: Mal irrte er wie ein verwirrter Seniorenheimbewohner bei Minusgraden unten ohne durch den Burghof und suchte das Klo. Mal küsste er, sichtlich angesäuselt, Frederic von Anhalt.
Überhaupt war Anders sehr oral fixiert: er entfernte sich mit dem Finger die Essensreste aus den Zähnen, lutschte lustvoll die Zehen von Busenwunder Tina Angel und vernascht rohe Schweineaugen genauso wie Press-Schnee mit Entenkot. „Für Geld tut man fast alles", sagte Anders kurz nach seinem Burg-Aufenthalt bei einer Lesung in Chemnitz.
Auf der Burg bewies Anders auch als Flirt-Romantiker, was er drauf hat. Das Sternchen Kader Loth baggerte er mit den Worten an: „Ich habe von dir geträumt, schreiben wir doch mal ein Lied über unseren sozialen Absturz!“ Immerhin räumte Anders seinen sozialen Absturz öffentlich ein. Frau Loth wusste flugs eine Textidee beizusteuern: „Noch tiefer geht's nicht mehr!“
Der Frauenschwarm erklärte ihr geduldig, dass Kaninchen, im Gegensatz zu Hühnern, keine Eier legen und war stolz, dass er „die Almkönigin“ zur Toilette begleiten durfte, wo er ihr ein „Synchronpinkeln“ anbot. „Nichts ist verachtungswürdig.“, sagte Anders.
Mit dem Aufenthalt auf der Burg, so darf spekuliert werden, versuchte Anders jenen Prominentenstatus wiederzuerlangen, den er vor langer Zeit verloren hat, damals, Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.
2007 heiratet Anders auf Mallorca die Wirtschaftsberaterin Birgit Diehn. Eine wohlhabende Witwe, die er in einer Berliner Kneipe kennengelernt hatte. Sie wollte anfangs nichts von ihm wissen, schilderte Frau Diehn die Werbungsphase, aber Christian sei so hartnäckig gewesen.
Im Sommer 2007 verprügelte Anders den ehemaligen Kompagnon seiner Frau, einen Steuerberater, der gerade ausziehen wollte aus der Bürogemeinschaft in Berlin-Charlottenburg.
Auf Palma de Mallorca will sich Anders nun eine neue Karriere als Musikproduzent aufbauen und die Ehre der Deutschen retten: „Ich werde den Grand Prix gewinnen.“
Über seine Biografie heisst es, es sei eine „pikante Lebens- und Sex-Beichte“. „Tiefe Widersprüche“ sind dem Buch bereits bescheinigt worden. Seine Biographin ist nicht nur eine „langjährige Freundin“, sondern auch ehemalige Chefreporterin der Bild am Sonntag. Ausgerechnet Bild, jene Zeitung, mit der Anders ständig im Clinch liegt und sie nur die „Blödzeitung“ nennt.
Kennengelernt hat Anders seine Biographin 1992 in Los Angeles. Sie schildert ihn so: „Christian Anders ist deshalb so schwierig, weil er nicht einer ist, sondern viele.“ „Wer schizophren ist, ist nie allein“, sagte Christian Anders dazu.