Die Lektüre von 'Christi Worte" wirkt auf mich ' und bestimmt tut es das auch mit den meisten seiner Leser ' wie eine Wundertüte, wie ein Bündel von Überraschungen. Dabei müsste man als einer, der sich ein bisschen in der Bibel auskennt, auf diese Überraschungen eigentlich gefasst sein. Denn Jesus sagt ja nicht nur, wie das andere Propheten vor und nach ihm auch tun, dass er die Wahrheit sagt, nein, er sagt: 'Ich bin die Wahrheit' (Just dies ist übrigens der Titel eines anderen Buches, das derselbe Autor vor elf Jahren geschrieben hat). Jesus beansprucht damit nicht nur, 'eine göttliche Offenbarung weiterzugeben, nein, er behauptet schlichtweg, das Wort Gottes, dessen Offenbarung selbst zu sein' (S. 14). Und weil das so ist, gilt es, seine Worte ' anders als die Worte von anderen Menschen, die nur Wahres aussprechen und damit die Wahrheit verkünden wollen ' als die sich ereignende, als die lebendig-seiende und nicht etwa nur als eine verkündete Wahrheit zu lesen und zu verstehen.
Aber wie geht das: eine sich ereignende lebendige Wahrheit zu lesen und zu verstehen? ' Meines Wissens wird dieser gewagte Versuch in der Sprachanalyse hier zum ersten Mal unternommen. Gestellt werden Fragen wie: 'Wo spricht das Leben? Und wie?'. Die Antwort (und wir kennen sie ja schon von Saint-Exupery) auf die erste Frage lautet: 'Im Herzen' ('man hört nur mit dem Herzen gut`). Und wie? ' Die Antwort ist: 'In seiner unmittelbar pathischen Selbstoffenbarung' (S.131) . ' Und was heißt hier 'pathisch' und 'Selbstoffenbarung'? Ja, man muss sich schon einlesen in den Text dieses Buches, und ' das könnte für manche Leser eine Hürde sein ' viele Bedeutungen ergeben sich darin erst aus dem Zusam-menhang.
Ausgehend von der radikal phänomenologischen Unterscheidung des Erscheinens von 'Leben" und 'Welt" versteht Michel Henry Christi Botschaft an die Menschen ebenfalls in dieser Doppelheit: Er benutzt die welthaften Sprachstrukturen, um darin eine Umkehr des menschlichen Selbstverständnisses einzuleiten, insofern der 'Mensch" in seiner unzeitlichen Geburt (ein Begriff, der sich von Meister Eckhart herleitet) 'Sohn des Lebens" ist und kein bloßes 'In-der-Welt-sein". Der Autor geht davon aus, dass sich in der reinen Selbsterprobung des Lebens das Wesen Christi als des Erst-Lebendigen in Gott und des darin eben-falls gebürtigen Menschen entsprechen. Von daher gelangt er zu der Auffassung, dass Menschen auch un-mittelbar Christi Wort als 'Verbum Die' oder Logos in sich hören und verstehen können.
Der geneigte Leser / die geneigte Leserin ' vor allem wenn sie mystisch oder quäkerisch vorge-bildet sind ' könnten an dieser Stelle aufhorchen und darin die Botschaft wiedererkennen, dass sich das Göttliche nicht irgendwo draußen und außerhalb unserer Person, sondern mitten in uns und unserem Leben ereignet. Freilich wird diese Überzeugung in dem hier besprochenen Buch recht voraussetzungsvoll-philosophisch formuliert, und seine Lektüre macht zugegebenermaßen schon erheblich mehr Spaß, wenn man sich im der Philosophie im allgemeinen und dazu noch in der (Lebens-)Phänomenologie im besonderen ein bisschen auskennt. ' Und mir hat es zusätzlich noch geholfen, dass es der Übersetzer geschafft hat, hier einen weiteren wiederum sehr anspruchsvollen aber dementsprechend auch sehr lesenswerten Text des französischen Philosophen auf eine sehr gut lesbare Art und Weise in die deutsche Sprache zu übertragen.
Das Buch konfrontiert seine Leser mit einer unglaublichen Glaubens-Zumutung ' oder sollte ich sagen: mit einer radikalen Frohen Botschaft von einer Dichte und einer Wucht, wie sie zuvor vielleicht nur Meister Eckhard ausgesprochen hat. Diese Botschaft, wenn ich sie denn recht verstehe, läuft auf drei gleichzeitig gegebene Momente der Wahrheit hinaus, nämlich (1.) die Offenbarung des Göttlichen vollzieht sich in Jesu Person und Leben selbst; (2.) sie vollzieht sich in seinen Worten, die er für uns und für sich, aber auch über sich ausgesprochen hat und (3.): Sie ereignet sich in uns selbst, in unseren Herzen. Die Frohe Botschaft verwirklicht sich in uns, wenn wir still werden, dem Willen Gottes Raum geben, seinem Wort ('Verbum Dei') Gehör schenken, uns ihm hingeben und uns durch dieses Lassen von der Last unse-res Egoismus befreien (vgl. S. 149).