Testprogramm
Das Pfingstfest am kommenden Sonntag feiert den Empfang des heiligen Geistes durch die Jünger. In ihnen glüht nun das göttliche Feuer. Von einem Augenblick zum anderen sind sie von einer enormen schöpferischen Tatkraft erfüllt. Soll man nun sagen: Alles paletti, die haben's gut, sie haben den göttlichen Geist empfangen, das muss ja wie im Himmel sein? War und ist es aber nicht. Denn die ehemaligen Jünger Jesu, nun seine Apostel, hatten den Auftrag erhalten, durch die Welt zu ziehen und das Werk ihres gekreuzigten Herrn fortzuführen. Der himmlische Geist hatte sie an die Erde verwiesen. Damit die Erde himmlischer werde.
Die Apostel mussten mit erheblichen Widerständen rechnen. Denn sie hatten das Geschick ihres Herrn vor Augen. Was er tat und sagte, das hat Jesus in den Tod geführt. Die Botschaft vom Reich Gottes für die Habenichtse und Ausgestoßenen, für die Sünder und hoffnungslosen Fälle war eine Provokation für die oberen Zehntausend der Gesellschaft, für ihr fest gefügtes System einer heiligen Ordnung. Und natürlich auch für ihre Privilegien.
Die Apostel wussten, woher Jesus die Kraft für seine bedingungslose Hingabe hatte. Vom heiligen Geist. Das war eine Pfingstgeschichte ganz eigener Art. Nach seiner Taufe im Jordan, so heißt es, öffnet sich über ihm der Himmel, Gottes Geist kommt herab, eine Stimme spricht: »Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.« (Mt 3,16 f.) - Jetzt geht's also los mit der Verkündigung des Evangeliums? Von wegen. Vielmehr führt der heilige Geist Jesus in die Wüste. Dort, in der Einsamkeit, klärt er für sich selbst, was das denn bedeutet, Gottes Sohn zu sein. Ist er jetzt allmächtig, wie sein himmlischer Vater?
In der Wüste wird Jesus mit seinen innersten menschlichen Regungen konfrontiert: Ungeahnte Macht ausüben, ein Volksheld werden - eine starke Versuchung. Auch wenn die Menschen ihn später massenhaft umlagerten - er hat sich ihnen immer wieder entzogen und seine innere Souveränität bewahrt. Und die Apostel: schwache und versuchbare Menschen wie wir alle? Vom Geist geleitet, führt ihr Weg zur Gründung der ersten christlichen Gemeinden. Dabei werden sie immer wieder mit Hass und Verfolgung konfrontiert. Fast alle sterben im Martyrium. Doch mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn vor Augen bleiben sie standhaft. So legten sie das Fundament christlichen Glaubens und Lebens. Damit das Feuer des heiligen Geistes weiter in den Menschen glühe.
Braut und Bräutigam
Dass mir Dornröschen eingefallen ist, wundert mich immer noch. Während eines schönen Frühlingsspaziergangs saß ich eine Weile auf einer Bank am Wegesrand, dachte so an dies und das und erfreute mich am Gesang der Vögel um mich herum. Und plötzlich: »Dornröschen«. Sehr seltsam, dachte ich. Dornröschen, wieso? Aber dann: »Du musst doch noch einen Zuspruch für die Tage vor Pfingsten machen.« Und Dornröschen? -natürlich! Der Kuss, mit dem der Prinz das Mädchen weckt. Sie wird aus ihrem Todesschlaf aufgeweckt und sinkt dem Prinzen in die Arme.
Dass das was mit Pfingsten zu tun hat, darauf wäre ich durch bloßes Nachdenken nicht gekommen. Aber die Parallele zum heiligen Geist war mir schnell klar. Und damit auch zur biblischen Pfingstgeschichte. Zu Pfingsten werden die ziemlich ratlosen Jünger Jesu aufgeweckt. Jesus ist fort, was werden sie nun tun? Der gewissermaßen feurige Kuss des Geistes hat sie erweckt. Plötzlich war ihre neue Lebensaufgabe klar. Und gleich nach der ersten Predigt des Petrus fand eine Massentaufe statt, noch am selben Tag, wie die Apostelgeschichte berichtet. Vielleicht nicht so glanzvoll wie die Hochzeitsfeier im Dornröschen-Schloss, aber immerhin: Die Urgemeinde der Christenheit war gegründet.
Bald wurden die ersten christlichen Lieder gesungen. Im Brief an die Epheser ist eines überliefert: »Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.« (Eph 5,14) Wenn dieses Licht in unserer Seele aufleuchtet, hat uns - ich sag's mal in der Poesie des Märchens - die himmlische Liebe wachgeküsst. Das graue Leben wird wieder farbig, unsere Schmerzen werden leichter, neuer Lebensmut beflügelt Herz und Sinn.
Ein solches Hochgefühl ist zwar kaum je von Dauer. Aber es ist doch, als habe eine tiefgreifende Heilung stattgefunden. Die Dornenhecke ist durchlässig geworden, die Rosen beginnen zu blühen. Das ist wie im schönen Lied »Maria durch ein Dornwald ging«: »Der hat in sieben Jahr'n kein Laub getragen.« Doch mitten hindurch trägt Maria das Jesuskind unter ihrem Herzen: »Da haben die Dornen Rosen getragen.« Diese Rosen blühen in unsrer Seele, Rosen der Freude, rote Rosen der Liebe. - Im letzten Buch der Bibel heißt es: Unsere Seele ist wie eine Braut, die mit großer Sehnsucht den Bräutigam erwartet. Und das ist der mit Dornen gekrönte Jesus, Mensch gewordene göttliche Liebe, auf dass wir Menschen menschlich werden.
Tempel des Geistes
»Veni, Sancte Spiritus«, komm, heiliger Geist, so beginnt eines der ältesten Lieder der Christenheit: »Komm, heiliger Geist, und erfülle die Herzen deiner Gläubigen mit dem Feuer deiner Liebe.« Der göttliche Geist inspiriert die Menschen mit Liebe und Tatkraft, erfüllt sie mit Ideen und Gedanken, führt sie manchmal bis zur religiösen Ekstase, zu einer regelrechten Gottestrunkenheit. Wie zum Beispiel in den Pfingstkirchen. Oder bei einem mitreißenden Gospelkonzert. Die Sehnsucht nach solchen starken religiösen Erfahrungen ist groß und wächst offenbar stetig an. Das Alltagsleben ist nüchtern, und die Verlockungen der Konsumwelt halten auch nicht immer das, was sie lautstark versprechen.
Nun hat spiritus, der Geist, eine sprachliche Verwandtschaft: die Spirituosen, die .geistigen Getränke'. »Der Wein erfreut des Menschen Herz«, sagt ein biblisches Wort. Und es hat recht, wie Weinfreunde wissen - Alkohol als schönes Mittel der Lebensfreude. Wir wissen aber auch: Allzu viel ist ungesund. Anstatt Erfüllung zu finden, werden Körper und Seele zerstört. Traurige Beispiele dafür gibt es mehr als genug.
Wahrlich erschreckend aber ist es, wenn wir hören, dass im Jahr 2008 rund 25 700 Kinder und junge Leute zwischen zwölf und siebzehn Jahren im Alkoholkoma in die Krankenhäuser gebracht werden mussten. Unsere Gesellschaft ist schwer krank, wenn so viele ihrer Kinder aus einer für sie sinnentleerten Welt in den Rausch flüchten.
In einer zwar vergangenen Zeit, doch in einer ganz ähnlichen Situation schrieb der Apostel Paulus ein sehr schönes Wort.