Zitat von Jean Paul
Mit seinem Buch "Christ sein", erschienen im Jahre 1974, wurde der katholische Theologe Hans Küng für die kirchliche Hierarchie endgültig zum Ärgernis, nachdem er bereits 1970 in seinem Buch "Unfehlbar?" die Unfehlbarkeit des Papstes in Frage stellte und wegen Beharrlichkeit und keinem Widerruf deswegen 1979 letztendlich die Lehrerlaubnis verlor. Warum wurde "Christ sein" für die deutschen Bischöfe zum Ärgernis? Am 17.11.1977 veröffentlichte die deutsche Bischofskonferenz zwei Erklärungen zum Buch "Christ sein", in der sie unter anderem, dem Autor vorwarf, theologische Wahrheiten "unzureichend dargestellt" zu haben, was "besonders die Christologie, die Trinitätslehre, die Theologie der Kirche und der Sakramente, die heilsgeschichtliche Stellung Marias" betreffe. Hans Küngs Ansatz "weder eine untheologische Jesulogie noch eine ungeschichtliche Christologie!" zu betreiben, ließ die deutschen Bischöfe auf die Barrikaden gehen. Denn im Gegensatz zu den deutschen Bischöfen zeichnet sich für Hans Küng ein Christ sein nicht an der Festhaltung orthodoxer Glaubenssätze und kirchlicher Glaubenstraditionen aus, sondern an der Orientierung und Nachfolge Jesu oder wie Hans Küng sich konkret ausdrückt: "Nach dem Neuen Testament entscheidet sich freilich das Christsein nicht letztlich mit der Zustimmung zu diesem oder jenem Dogma über Christus, nicht mit einer Christologie oder Christus-Theorie, sondern mit dem Christusglauben und der Christusnachfolge!" Es musste also wegen dieser Intention des Buches (Jesus Christus als das Programm des Christentums und Christseins), die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht, notwendig und unvermeidlich zu einem Konflikt mit den deutschen bischöflichen Primitivtheologen kommen, die bei Hans Küng eine Verengung und Verkürzung der christlichen Glaubensinhalte sahen. Obwohl Hans Küng mit diesem zentralen Werk seines ungeheuren produktiven theologischen Schaffens, dem modernen Menschen versuchte klarzumachen, was Christ sein in einer säkularisierten Gesellschaft heute noch bedeutet, welche zentralen Grundlagen wahren Christ seins sein müssen und vor allem warum und wie ein kritischer, aufgeklärter Mensch von heute es vor seiner Vernunft und seiner gesellschaftlichen Umgebung verantworten kann, Christ zu sein, obwohl also Hans Küng mit diesem Werk dem Christentum einen großen Dienst erwiesen hat, waren die deutschen Bischöfe aber für alle diese positiven Seiten absolut blind. Es störte sie, dass Hans Küng nicht deutlich genug und dogmatisch einwandfrei und korrekt auf die Gottessohnschaft und Göttlichkeit Jesu (wahrer Gott und wahrer Mensch) hingewiesen hat, dass er die katholischen Christen dazu auffordert, die biblisch nicht begründete Marienverehrung, den Marianismus, der seit dem 19. Jahrhundert mit dem Papalismus mit seinen Papstdogmen (die Unfehlbarkeit des Papstes wurde erst im 19. Jahrhundert zum Dogma erhoben!) Hand in Hand geht, kritisch zu überprüfen, dass er die Trinitätslehre, zumindest die auf hellenistischen Vorstellungen beruhenden Deutungsversuche und die daraus hervorgegangenen dogmatischen Formulierungen, als zeitbedingt versteht, dass er im Zusammenhang des Sühneopfers von einem sadistischen, grausamen und heidnischen Gottesbild spricht (wohingegen die deutschen Bischöfe auf den für sie theologisch wichtigen Unterschied zwischen Alten und Neuen Testament hinwiesen, wenn sie erklären: "Abraham, der bereit war, seinen einigen Sohn Isaak zu opfern, ist nur ein schwaches Vorausbild des Handelns des himmlischen Vaters. Denn zu Abraham sprach der Engel vom Himmel: "Lege nicht Hand an den Knaben und tu ihm nichts zuleide" (1 Mose 22,12). Aber der himmlische Vater hält nicht ein, er gibt den einzigen Sohn, sein Liebstes, und damit sich selbst für uns dahin." Was für eine Henker- und Menschenopfertheologie!) und dass er das Sakrament der Eucharistie nicht auf Jesus zurückführen wollte, der mit seinem letzten Abendmahl eben keine neue Liturgie stiften wollte und schon gar nicht "sein Sterben als sühnende Stellvertretung für die Vielen verstanden hat, im Sinne also des unschuldigen, geduldig getragenen, freiwilligen, von Gott gewollten und darum stellvertretenden sühnenden Leidens und Sterbens des Gottesknechtes", weil diese eine nachösterliche Deutung war. Das Buch "Christ sein" wäre, wie Hans Küng selber im Vorwort schreibt, also eine große Chance für die desolate Lage der katholischen Kirche in Deutschland gewesen, vielleicht auch ein Anreiz umzudenken und sich theologisch weiterzuentwickeln, stattdessen wollten sich diese Primitivtheologen und der Vatikan, der seine machtvollen Hände wie immer im Hintergrund hat, von ihrer dogmatischen Starrheit und theologischen Sturköpfigkeit nicht losreißen, doch dafür zahlen sie ihren, ja man möchte schon fast sagen verdienten Preis: "ein Drittel der katholischen Pfarreien in Deutschland sind schon jetzt ohne Pfarrer (mit steigender Tendenz) und eine dramatische Abnahme der Akzeptanz der traditionellen Glaubensartikel auch im treuen Kirchenvolk ist zu beobachten."
"Christ sein" ist ein Buch, dass nicht nur für Katholiken geschrieben worden ist, sondern für alle Christen. Christ sein im 21. Jahrhundert sollte nicht länger eine konfessionelle Apartheid bedeuten und dementsprechend sollte nach Küng auch keine konfessionelle Theologie mehr betrieben werden, sondern eine wahrhaft ökumenische. Christ sein sollte außerdem nicht, wie allzu oft in der Geschichte der christlichen Kirche, Theologie und Spiritualität, auf Kosten des Menschseins gehen. Aber auch umgekehrt sollte das Menschsein nicht auf Kosten des Christ seins gehen. Nur muss man wissen, dass für Hans Küng, das Besondere, Ureigenste des Christentums es ist, Jesus als letztlich entscheidend, ausschlaggebend, maßgebend zu betrachten. Christ sein muss sich an dem Mann aus Nazareth messen lassen. Um es klar und deutlich zu sagen: "Der Christ läßt sich auch für das praktische Handeln das Entscheidende von Christus sagen" und nicht vom Papst! Jesus ist für Hans Küng die Basis für sein Programm des Christ seins. Hans Küng meint jedoch nicht den Jesus, wie ihn die Kirchen domestiziert haben, nicht den "rechtfertigenden Repräsentanten des religiös-politischen Systems, seines Dogmas, Kultes, Kirchenrechtes" und nicht "das unsichtbare Haupt eines sehr sichtbaren kirchlichen Apparates, der Garant alles Gewordenen in Glaube, Sitte, Disziplin." Jesus war weder Priester (der Papst versuchte zuletzt in seinem zweiten Band seines Jesus-Buch Jesus zum Priester zu weihen) noch Theologe, er wollte weder eine neue Kirche gründen noch stand er auf der Seite der Herrschenden. Gegen alle diese Domestizierungsversuche muss deutlich gesagt werden: "Jesus war kein Mann des kirchlichen und gesellschaftlichen Establishments." Dementsprechend muss auch die Kirche an dem Programm Jesu gemessen werden. Blickt man aber in die Geschichte und auch die Gegenwart der Kirchen, so kommt jeder kritische Christ (und ein solcher kritischer Christ ist Hans Küng, Gott sei Dank!) nicht "um die Frage herum, ob die Kirche - und wir reden hier immer von allen Kirchen - in der Praxis nicht doch recht weit vom christlichen Programm abgekommen ist. Ist dies nicht der Grund, weswegen sich viele Menschen für Gott und Jesus entscheiden, ohne sich für die Kirche, für irgendeine Kirche entscheiden zu können?" Die Konsequenz daraus ist, dass man auch als Christ sich nicht scheuen sollte die Kirche im Blick auf die Botschaft Jesu zu kritisieren, auch wenn daraus unangenehme, existentielle und womöglich finanzielle Folgen entstehen könnten, so zum Beispiel, wenn einem so kompetenten, ausgezeichneten Theologen und engagierten Christen wie Hans Küng die Lehrerlaubnis entzogen wird. Denn nur so werden immer noch die Machtstrukturen der katholischen Kirche deutlich, die endlich abgeschafft werden müssen, damit das Christ sein nicht auf Kosten vom Menschsein geht.
Für mich ist das Buch "Christ sein" das theologische Grundlagenwerk des 20. Jahrhunderts. Es ist wissenschaftlich und theologisch fundiert, es öffnet den Blick für das Wesentliche des Christentums, es scheut sich nicht die Dogmatik und Praxis der etablierten Kirche kritisch zu durchleuchten, es gibt praktische Ratschläge und gibt einem selbst die Hoffnung, dass vielleicht eines Tages endlich ein (dogmen-)freies, menschliches, kritisches, ja um das Wort hier aufzuführen, jesuanisches Christentum auch in den Kirchen gepredigt und in den theologischen Fakultäten gelehrt wird.