Dafür, dass die meisten Leser die zugrundeliegende Geschichte ja schon grob kennen, erhält dieses Buch einen sehr guten Spannungsbogen aufrecht. Teilweise konnte ich es kaum weglegen, da ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Es ist die Geschichte eines Jungen auf der Suche nach seiner Identität, eines Jungen, dem lange Zeit die nötigen Informationen vorenthalten werden, die er erst im Laufe des Buches Stück für Stück entdeckt, eines Jungen, der mit den in ihm wohnenden übernatürlichen Kräften erst einmal klarkommen muss und darunter leidet, nicht "normal" zu sein, (wie er denkt) keinen Vater zu haben etc. Um einen "Das-kenne-ich-doch-schon"-Effekt zu vermeiden, erfindet die Autorin zusätzlich zu dieser sukzessiven Enthüllungstechnik genug an unbekannter Hintergrundhandlung, vor allem im Bereich der politischen Spannungen der behandelten Zeit, arbeitet Teile aus den Apokryphen ein, umgibt den Protagonisten mit interessanten Nebenfiguren wie dem eifersüchtigen Bruder, dem skurrilen Onkel Cleopas, der Freundin Salome etc., und lässt vor allem durch einen Blick ins Innenleben eines unsicheren Siebenjährigen, der versucht mit seiner schwierigen Umwelt und seinem Anderssein zurechtzukommen, die Gestalt des jungen Jesus greifbar und menschlich werden.
Dabei hat sie meiner Ansicht nach eine gute Balance zwischen der Menschlichkeit und der Göttlichkeit Jesu gefunden. Seine Unsicherheiten, Ängste bis hin zu Traumata, die aufgrund schrecklicher Erlebnisse entstehen, wobei er aufgrund seiner sensiblen Seele unter manchen Dingen intensiver leidet als andere, machen ihn zu einem Helden, mit dem sich der Leser identifizieren kann. Dass dabei dennoch seine Göttlichkeit angedeutet wird, ist notwendiger Bestandteil, wenn man wirklich an seine Identität als wahrer Mensch und wahrer Gott glaubt - was übrigens Gerald Messadié, der Verfasser des erwähnten Romans "Ein Mensch namens Jesus", laut eigener Aussage nicht tut (zitiert in einer amazon-Rezension bei dem betreffenden Buch). Bleibt anzumerken, dass es nicht verwunderlich ist, dass gläubige Christen und Nichtchristen sowohl Messadiés als auch Rices Buch völlig verschieden beurteilen.
Die einzige Passage in Rices Roman, die mir nicht gefällt und widersprüchlich zum Rest des Buches erscheint, ist die recht positive Beschreibung von Tieropfern in einer Szene. Dies steht auch im Widerspruch dazu, dass Jesus später traumatische flashbacks hat, in denen die Tötung von Tieren und Menschen ihm gleichermaßen nachgeht, wenn nicht sogar gleichgesetzt wird. Nur wegen dieser Inkongruenz habe ich dem Roman vier Sterne gegeben, ansonsten wären es fünf gewesen.
Der Sprachstil ist etwas einfacher als in Rices Vampirromanen, jedoch durchaus als ihr eigener, typischer, d.h. etwas atemlos erscheinender, blumig-elaborierter Stil zu erkennen. Ich nehme an, dass er hier auf das Alter des Protagonisten abgestimmt ist, und sich in den Folgeromanen der Serie noch ändern wird - die hoffentlich kommen werden.