Aléxandre Dumas' Graf von Monte Christo zählt ohne Zweifel zu den Werken der Literaturgeschichte, die man einmal gelesen nie mehr vergisst. Die Geschichte des von vermeintlichen Freunden verratenen und unschuldig im Inselverlies des Château D'If eingekerkerten Seemannes Edmond Dantes und seiner Rache an jenen, die ihn seiner Liebe und seines Lebens beraubten, ist das, was man einen „Klassiker" nennt. Die Geschichte eines modernen Hiob, der sein Leid nicht annimmt, der an Gott verzweifelt, zu Grunde geht und als Racheengel wiederaufersteht - ergreifend, mitreißend und tragisch. Oft verfilmt - mit Depardieu, mit Chamberlain - oft zitiert - etwa in „Sleepers", zuletzt in „V for Vendetta" - eines meiner Lieblingsbücher.
Kann man ein 750-Seiten-Epos in 60 Minuten Musik und 6 Seiten Booklet-Text umsetzen? Wissen wir die Antwort nicht schon vorher? Zwar ist das neue Werk der Progmetaller Vanden Plas nur durch Monte Christo inspiriert und keine Adaption, dennoch kann man nicht umhin, gewisse Vergleiche anzustellen. Die Ausgangssituation ist die Gleiche: Der Protagonist wird zu Unrecht von scheinbaren Freunden ins Gefängnis gebracht und muss seine Zeit in Dunkelheit und fernab aller Menschen verbringen. In den Jahren der Dunkelheit ist es der Durst nach Rache, der ihn am Leben erhält und zu seiner neuen Identität, Christ0 (kein Christus - ein Kurzkommentar zur Lage der Gesellschaft?), einem Gott-losen, dessen Leid der Fels seines Atheismus ist. Als ihm die Flucht gelingt, beginnt das Spiel.
Und hier enden die Parallelen. Anstelle eines versteckten Schatzes auf einer Insel findet Christ0 eine Art Filmbunker mit Horrorfilmen, deren Gestalten ihn zu sich in die Schattenwelt nehmen und ihm so die Möglichkeiten eröffnen, seine Rache zu vollziehen. Autsch. „Erzählt" wird die Geschichte von Inspektor X (Doppel-Autsch!), der in einem Schiffswrack die als blutige Litaneien an die Wände geschmierte Chronik von Christ0s Morden findet und gar grausige Parallelen zu seinem eigenen Geist entdeckt. Auch wegen eines Puzzles im Text frage ich mich, ob es sich am Ende um die gleiche Person handeln könnte. Am Ende entschwindet der (wieso auch immer?) sterbende Christ0 und wird vom „Fährmann" in die Stille mitgenommen. Letzterer ist offenbar eine Referenz an den Schiffer Charon, der in der griechischen Mythologie die Seelen der Toten für einen Obolus (eine Münze) über den Fluss Acheron/Styx ins Reich des Totengottes Hades übersetzte. Deswegen legten die Griechen ihren Toten eine Münze unter die Zunge, auf dass sie zahlen konnten.
Auch sonst sind die perspektivisch gebrochenen (mal erzählt 0, mal X) Lyrics mit vielen offenen und weniger offenen kulturellen, literarischen und kinematischen Verweisen durchsetzt - etwa auf „Das Schweigen der Lämmer", Christo-Darsteller Depardieu, die Abwesenheit des Deus ex machina ... Das alles macht das inhaltliche Konzept aber leider, leider, leider nicht besser - es ist und bleibt im Prinzip eine grausige, inkohärente, popliterarische Horror-Verhackstückelung von Monte Christo, die ich - ich gebe es zu - nicht wirklich verstehe. Darum decke ich nun lieber einen Mantel des Schweigens darüber, und wende mich dem besseren Teil von „Christ0".
Zur Musik also: Das Intro beginnt mit krachigen Gitarren und dem großartig klingenden Chor des Pfaltztheaters Kaisterslautern - man hört Fortuna singen, „Carmina Burana" lässt grüßen. Klingt nach einem „großen Opener"? Ist es auch - locker groovend, flott und treibend, mit klassischen Progmetal-Keyboards und Gitarren, traumtheatresken Unisono-Läufen, und tollen Gesangsmelodien. „Christ0" hat Ohrwurmcharakter. Der folgende Atheismus-Song „Postcard to God" ist ein klassischer Vanden-Plas-Rocker, der alle Stärken der Band zum Ausdruck bringt und die Dramatik des Openers aufrechterhält.
„Silently" begeistert durch den stimmigen Wechsel aus rockigen Gitarrenwechsel, gefühlvollem Piano, dem Kontrast der Spannung aufbauenden Brücken, die sich in den nachdenklichen Phrasen des Vorrefrains noch ungemein steigert und dann in dem Nackenbrecher des Refrains kulminiert. Das Stück bietet eigentlich alles - tolle Melodien, Abwechslung, zwischenzeitlich sogar leichtes Latin-Flair und gute Arbeit an den Instrumenten. Exquisit.
Emotionaler Höhepunkt ist „Fireroses Dance" - alleine die Bildmetaphorik deutet schon Großes an. Man stelle sich das nur mal visuell vor ... Feuerrosen, tanzen unter klarem Himmel, über einem See oder Berg, das einsame Auge sehnt sich, mitzutanzen ... Für mich liegt hier vielleicht DIE Vanden-Plas-Ballade vor: Ein trauriges Piano leitet uns in den Song, zurückhaltendes Schlagzeug, recht echt klingende Streicher, ein wiegender Chorus ... Zur Mitte hin schwingt die Stimmung um und wird härter und dann setzt wieder dieser Carl-Orff-Chor ein, emotionaler Gesang von Kuntz, ein tolles Gitarrensolo von Lill ... der Song hat eigentlich alles und entfaltet in feinster Vanden-Plas-Ästhetik eine ungemeine Dramatik. Großes Kino, toll komponiert.
Der dramatische Höhepunkt ist allerdings das epische „January Sun", das ähnlich strukturiert ist. Zu Beginn traurig-klagend wird das Stück dann härter, behält sich aber eine gewisse Nachdenklichkeit bei, schwingt sich dann immer höher, steigert die Spannung durch geschickten (Synthie-)Streicher-Bombast und Zurückhaltung an den wichtigen Momenten. Wiederum hören wir einen toller Solo-Wechsel von Keyboards und Gitarren, und dann der Chor, ja, der Chor ...Das traurige Anfangsthema beschließt das Mini-Epos. Musical-Flair, ohne Frage.
„Lost in Silence" beendet das eigentliche Album stimmig in stiller Nachdenklichkeit.
Die übrigen Songs, „Shadow I am" und „Somewhere alone in the dark" und „Wish you where here" sind auch gutklassige Rocker im Vanden-Plas-Stil, stehen aber doch hinter den anderen etwas zurück.
Fazit: „Christ0" wirkt musikalisch stimmig und wurde exzellent produziert, transparent, klar, druckvoll. Vanden Plas bringen all ihre Stärken voll zur Geltung, die Performance der Akteure ist tadellos und Kuntz hat sich sangestechnisch im Vergleich zum guten „Beyond Daylight" noch mal gesteigert. Man höre sich mal die alten Alben an, wo er noch wesentlich schwächer ist, und sage dann, hier liege kein Quantensprung vor ... Dazu hat vor allem Günther Werno ein paar richtig gute Stücke komponiert, und auch der Keyboardeinsatz ist (bis auf ein paar kürzere Passagen) geschmackssicher. Das Album wirkt sehr rund, bietet aber weder etwas Neues, noch Geniales. Vanden Plas Stärke liegt eher in einer konsequenten und durchdachten (Fein-)Arbeit und ihrem guten „Handwerk" als in Eruptionen von Genialität. Man könnte sie als die „Thomas Manns" des Progmetal bezeichnen und irgendwie haben sie auch etwas von diesem leicht bildungsbürgertümlich anbiedernden Element, das vor allem im Konzept, aber auch musikalisch hie und da durchscheint. Wenn man aber mal vom „Konzept" absieht steht unterm Strich ein klassisches Progmetalalbum der gehobenen Güteklasse - dazu kann man gratulieren.