Rachmaninov und Chopin zählen nachweislich zu Nikolai Luganskys Lieblingskomponisten: Allein sechs CDs mit Werken dieser zwei "Composer-Pianists" hat er für die Label Vanguard Classics und Erato eingespielt; hier nun die siebte mit den 24 Préludes als Herzstück dieser erneut Chopin gewidmeten Aufnahme. Nach den Umstrukturierungen bei Warner Classics war zunächst unklar, ob diese CD überhaupt veröffentlicht würde - ein Verzicht darauf wäre, um es gleich vorwegzunehmen, ein Verlust gewesen.
Der 30jährige Russe beweist mit seinem unprätentiösen und stilsicheren Spiel, gepaart mit einer über alle Zweifel erhabenen und in jeder Situation unangestrengt wirkenden Technik, daß er zu Recht zu den herausragenden Pianisten seiner Generation gezählt werden kann. Erfreulich ist es insbesondere, daß er im Gegensatz zu anderen Vertretern der "russischen Schule" (etwa Gavrilov) über pianistischer Pyrotechnik nicht die Musik vernachlässigt. Die gerade bei Chopin auch in hochvirtuosen Passagen geforderte Eleganz, also die Fähigkeit, Leidenschaft ohne unnatürliche Härte darzustellen, besitzt Lugansky im Überfluß. Dies hatte bei seiner Einspielung der Chopin-Etüden zu dem berechtigten Vorwurf geführt, er übe eine manchmal übertriebene Zurückhaltung, sein Spiel sei zu unpersönlich. In dieser Hinsicht stellt die vorliegende Aufnahme einen merklichen Fortschritt dar - die extrovertierten Stellen etwa in den beiden Balladen werden mit der nötigen Dramatik und Impulsivität interpretiert und loten die dynamischen Möglichkeiten des Konzertflügels voll aus, ohne dabei jedoch harsch zu klingen. Dies stellt einen gelungenen Gegenentwurf etwa zur Deutung Kissins (RCA) dar, der brillanter und virtuoser, aber mit weniger Wärme an dieselben Stücke herangeht. Die jederzeit exzellente Ausgewogenheit der Darstellung zeigt sich auch in den Nocturnes - wer eine spontanere, aber auch etwas willkürliche Einspielung etwa des c-moll-Nocturnes sucht, wird bei Argerich (EMI) fündig. Mit deren Referenzeinspielung der Préludes (DG) muß sich auch Lugansky vergleichen lassen. Er erreicht dabei nicht die halsbrecherischen Tempi der Argentinierin, deren Einspielung auch nach Jahrzehnten noch von heißblütigem Temperament und kompromißlosem Vorwärtsdrang geprägt ist. Dennoch findet der Russe zu einer seiner spielerischen Persönlichkeit entsprechenden, detailreichen und in jeder Hinsicht musikalisch ausgewogenen Darstellung, die weder die kantable noch die dunkle, aufbrausende Seite dieser 24 Miniaturen vernachlässigt. Der exzellente Sound und das ausreichend informative Booklet machen die Einspielung zu einer Bereicherung für jede CD-Sammlung.