Die Rückseite dieser CD-Box preist den amerikanischen Pianisten Murray Perahia aufgrund seines "ausgewogenen Klangs und seiner herausragenden Virtuosität" als idealen Chopin-Interpreten an. Im allgemeinen will ich mich diesem Urteil anschließen, aber zu den ganz großen Spezialisten des polnischen Komponisten würde ich ihn dennoch nicht zählen wollen. Doch schön der Reihe nach ...
Die erste CD mit den beiden Konzerten ist meines Erachtens die beste dieser 5-CD-Box. Das polnische Kolorit dieser frühen Werke ist - zumal live aufgenommen! - vortrefflich eingefangen und wird von dem superb agierenden Orchester weiter unterstützt (Maestro Zubin Mehta ruft hier übrigens eine weitaus bessere Leistung als in seiner jüngeren Einspielung mit Lang Lang ab). Perahia ist in jedem Moment die Spielfreude anzumerken, wobei die mühelose Bewältigung der technischen Klippen besonderen Eindruck hinterläßt.
CD 2 präsentiert die Sonaten Nr. 2 und 3. Gegen diese Einspielungen hege ich einige Vorbehalte, weil sie relativ biedere Tempi bemühen, ohne dabei einen besonderen Effekt zu erzielen. Bisweilen geht die Spannkraft dieser radikalen Werke doch deutlich verloren, die bei Perahia deutlich geringer ausgeprägt ist als etwa bei Emil Gilels, der in der 3. Sonate ebenfalls ein langsames Tempo anschlägt. Technisch gesehen hat Perahia alles im Griff, aber einen zündenden Gedanken entlockt er diesen arg strapazierten Werken zu selten.
CD 3 bietet die vier Balladen und eine Auswahl an Walzern, Mazurken und kleineren Werken. Manche Kenner sehen in dieser Einspielung die Referenzaufnahme der Balladen; ein durchaus stimmiger Spannungsaufbau und ein sicheres Gespür für die klanglichen Eigenschaften des Klaviers in den verschiedenen Lagen heben diese Darbietungen zweifellos aus der Masse hervor. Dennoch scheut Perahia das Risiko auch hier: anstatt die Spannung bis zum letzten auszukosten, werden schroffe Stellen so abgemildert und geglättet. Krystian Zimerman ist bei den Balladen daher nach wie vor mein Favorit.
CD 4 beinhaltet die Etüden, die bei Perahia den denkbar größten Kontrast zu Pollinis Aufnahme von 1972 eingehen. Wer bei den Etüden stählerne Technik und asketische Pedalisierung schätzt, wird zu Pollini greifen, während derjenige, dem ein musikalischerer Ansatz wichtig ist, Perahia den Vorzug geben wird. Perahias Klang ist weitaus wärmer und geschmeidiger als der von Pollini - die eingangs erwähnte "herausragende Virtuosität" Perahias müßte indes wohl vor der des Italieners klein beigeben.
CD 5 präsentiert einen Querschnitt (Barcarole, Berceuse, Fantasie, Fantasie-Impromptu etc.) und rundet dieses Produkt würdig ab. Hier ist der Interpret wieder voll in seinem Element und ruft die eingangs erwähnten Tugenden zum Wohl der Werke ab.
Unterm Strich bietet diese Zusammenstellung einige herausragende Momente und viel Raum für Entdeckungen. Wenn Perahia enttäuscht, dann am ehesten bei den größeren, neuartigen Werken (Sonaten und Balladen), bei denen er meist die letzte Konsequenz vermissen läßt. Abgesehen von diesen leichten Bedenken würde ich die Box jedoch sehr empfehlen, da speziell die Konzerte kaum besser gespielt werden könnten. Der Chopin-Spezialist, zu dem das Booklet Perahia gerne machen würde, wird er eher nicht mehr werden - das wird er aber ohne weiteres verschmerzen können.