Warschau, Oktober 1980: Der serbische Pianist Ivo Pogorelich scheidet vor dem Finale des Chopin-Wettbewerbs aus - ein Skandal in den Augen der Jurorin Martha Argerich, die daraufhin die Konsequenzen zieht und demissioniert. Dreißig Jahre später wiederholt sich die Geschichte in nicht ganz so drastischer Form: der das Publikum verzückende österreichische Pianist Ingolf Wunder erlangt "nur" den zweiten Preis - eine Entscheidung, die beim Publikum und der Fachwelt gleichermaßen für Kopfschütteln sorgt. Pogorelich profitierte seinerzeit von dem Skandal, und auch diesmal entschied sich die Deutsche Grammophon nicht für die nominelle Siegerin Julianna Awdejewa, sondern für den "Benachteiligten". Wenn man die Korrektheit dieser Maßnahme nach der Qualität dieses Debüt-Albums beurteilen soll, so möchte man fast schon jetzt bestätigen, daß die richtige Wahl getroffen wurde.
Den Reigen eröffnet die 3. Sonate in h-moll. Von den ersten Takten an wird bereits deutlich, daß Wunder alles Heroische und Pathetische nahezu komplett verbannt und stattdessen nachdenkliche Töne bevorzugt - der Einfluß seines Mentors Adam Harasiewicz (Sieger von 1955) , der für seinen nüchternen und schnörkellosen Stil bekannt war, ist omnipräsent. So legt Wunder den Fokus eher auf das Seitenthema, dem er alle erdenkliche Fleixibilität zugesteht, und hält sich beim Hauptthema ziemlich zurück. Das Scherzo hat man ebenfalls schon wesentlich rascher gehört, doch speziell im ruhigeren Mittelteil entwickelt der Pianist einen kultivierten und sensiblen Klang. Der langsame Satz ist berüchtigt dafür, so oft zu einer quälend langen Tortur zu werden - dem beugt der Interpret durch flexible Rubati und stets auf Neue gestaltete Mittelstimmen vor. Das Finale nimmt Wunder ebenfalls ziemlich langsam und dreht erst gegen Schluß nochmals richtig auf - der Effekt ist indes sehr subtil und schafft nochmals ein großes Spannungsfeld. Alles in allem erinnert die Darbietung an Gilels' viel zu unbekannte Einspielung aus den 70er-Jahren, die indes - wen mag das überraschen? - noch einen Tick überzeugender wirkt.
Das Filetstück ist defintiv die enigmatische Polonaise-Fantasie, der viele Pianisten damals wie heute nichts oder nur wenig abgewinnen konnten. Daß Wunder mit seiner Art hier am deutlichsten punktet wird schnell klar: gemäßigte, aber dennoch im Fluß bleibende Tempi ermöglichen die freie Entfaltung der nachdenklichen Melodien. Speziell der Struktur dieses vertrackten Werkes kommt die Interpretation jedoch zugute; die Ideen werden sinnvoll miteinander verwoben, anstatt wie so häufig als isoliertes Stückwerk präsentiert. Man meint zwar, daß Wunder das letzte Risiko scheut (so nimmt er beispielsweise die Stelle mit den Doppeltrillern recht langsam), aber keine Abstriche beim musikalischen Gehalt macht. Man muß schon erfahrene Legenden wie Grigory Sokolov (war vor einigen Jahren live zu erleben) bemühen, wenn man nach noch überzeugenderen Interpretationen dieses Werkes sucht - doch zum einen hat Sokolov das Werk bislang nicht aufgenommen und zum anderen würde man hier Interpreten aus ganz unterschiedlichen Generationen vergleichen.
Die 4. Ballade leidet an wenigen Stellen für meine Begriffe unter einem etwas zu großzügig eingesetzten Rubato, doch die sorgsam herausgearbeiteten Mittelstimmen kompensieren diesen Mangel überzeugend. Dramaturgisch gesehen hätte die Wiedergabe vielleicht eine geringfügige Straffung in Sachen Tempo vertragen, aber ansonsten läßt die Aufnahme wenig zu wünschen übrig.
Bei dem berühmten Andante spianato und Grande Polonaise (dieses Frühwerk wirkt in Gesellschaft der übrigen Spätwerke hier schon ein wenig wie ein Fremdkörper) wirft Wunder schließlich alle Zurückhaltung über Bord und beweist, daß die von beim Wettbewerb anwesenden Kritikern getroffene Aussage, seine Virtuosität sei atemberaubend, durchaus zutrifft. Konnte der Pianist angesichts der eher langsamen Tempi bei den übrigen Werken diesen Vorzug nicht voll zur Geltung bringen, so zieht er hier alle Register und schafft einen triumphalen Abschluß dieser (fast) rundum gelungenen CD.
Daß ein derart junger Pianist mittels gemäßigter Tempi schon musikalischen Gehalt über oberflächliche Effekte stellt, ist vielleicht die größte - aber eine angenehme! - Überraschung dieses Albums. Ob (Ingolf) Wunder auch tatsächlich zum (musikalischen) Wunder wird, kann nur die Zeit zeigen. Eine mehr als ausreichende Begabung dafür ist sicherlich vorhanden, und auch die durchdachten Interpretationen lassen bereits aufhorchen. Zudem gibt sich der Künstler in dem (nicht allzu tiefgründigen) Interview im Booklet angenehm bescheiden und scheut bislang den Vergleich mit großen Namen - ein deutliche Beleg dafür, daß er (Gott sei Dank) immer noch genug Entwicklungspotential bei sich selbst sieht. Dieses Debüt-Album ist zudem fraglos überzeugender geraten als die seiner Vorgänger Yundi Li (2000) und Rafal Blechacz (2005) für Deutsche Grammophon und macht Appetit auf mehr. Wunders Werdegang auf dem Weg zum Wunder darf man also mit Spannung entgegensehen ...
Die Aufnahmetechnik überzeugt, während die überwiegend in Rosatönen gehaltene Gestaltung des eher oberflächlich wirkenden Booklets hart am Kitsch vorbeischrammt und die künstlerische Darbietung eher zu entwerten droht - das hätte Ingolf Wunder nun wahrlich nicht verdient.