Artur Rubinsteins Chopin ist ein Rätsel. Seine Einspielungen der Walzer, Mazurken und Polonaisen sind immer noch konkurrenzlos. Aber was hebt ihn von der Masse der Chopin-Interpreten ab und macht ihn so unvergleichlich?
Zuerst das Allerwichtigste: Rubinstein spielt keinen sentimentalen Chopin. Er musste sich mit dieser Auffassung seinerzeit gegen andere Starpianisten wie Paderewski oder Cortot erst durchsetzen. Deren Spiel war für ihn, wie er in seiner Biografie erklärte, nicht frei von Klischees, entweder zu sentimental oder viel zu zerbrechlich. Ganz anders Rubinsteins Chopin: Die Mazurken haben einen wunderbar erdigen Rhythmus, bei den Walzern musiziert er sehr frei, die linke und die rechte Hand scheinen fast unabhängig zu "denken", sein Rubato ist wunderbar und doch hält er die Musik im Fluss und wird niemals schleppend oder gefühlig. Daniel Barenboim sagte dazu, Rubinsteins Spiel habe ein "Rückgrat". Maurizio Pollini, selbst kein ganz übler Chopin-Spieler, meinte, Rubinstein habe gezeigt, dass es nicht auf die Quantität des Rubato ankommt, sondern auf die Qualität. Mit anderen Worten: Wer seine Effekte sparsam einsetzt, erzielt umso größere Wirkung. Rubinstein findet eine perfekte Balance. Er kann auftrumpfend, brutal, dunkel, ja sogar todtraurig und melancholisch sein, aber er bietet nie weichliches Salongesäusel.
Sein Spiel ist zudem (anders als beim großen Widersacher Horowitz) ganz frei von Zaubertricks, die den Pianisten in den Mittelpunkt rücken. Der auf diesen Aufnahmen bereits über 70-jährige hat solche Eitelkeiten nicht mehr nötig. Er geht am Ende seiner großen Karriere noch einmal aufs Ganze und entdeckt den wahren Chopin.
Das größte Geheimnis aber ist Rubinsteins Ton, dieser wunderbar samtige dunkle Klang. Joachim Kaiser hat ja zu Genüge drüber geschrieben, und egal, was man von ihm hält, es ist wirklich was dran. Ich musste lachen, als ich in einer Kritik las, diese Aufnahmen seien "historisch". Das ist natürlich Unsinn, sie stammen ja aus den 60er Jahren, als es bereits hervorragende Mikrofone und Bandmaschinen gab. Das Klavier ist technisch sauber aufgenommen. Dass es etwas dumpfer klingt, liegt an Rubinsteins Anschlag und dem Einsatz des linken Pedals. Er schien diesen weicheren, verschatteten Ton so gewollt zu haben und in den traurigen, sehnsuchtsvollen Nocturnes und Mazurken kommt er wunderbar zum Tragen.
Mancher mag sich wundern, dass ich hier wie ein Wasserfall über Artur Rubinstein schreibe und kaum zum Ende komme. Aber ich bin dem alten Herrn so dankbar, dass er mir Chopin wieder nahe gebracht hat. Es gab eine Zeit, da konnte ich Chopin kaum noch ertragen: Kerzenlicht-Romantik für Klavierschülerinnen. Rubinstein hat mich eines besseren belehrt. Der Magie, die von seinem Spiel ausgeht, kommt man mit aller Wissenschaft nicht bei. Komponist und Interpret sind füreinander bestimmt - denselben Eindruck kann man bei Artur Schnabels Schubert oder Solomons Beethovensonaten gewinnen. Es gibt einfach musikalische Seelenverwandschaften, die nicht erklärbar sind.