Schon seit D.W. Griffiths "The Birth of a Nation" (1915) gaben sich Filme, die das Amerika des 19. Jahrhunderts, und insbesondere den amerikanischen Western jener Zeit, wiederauferstehen ließen, gern den Anschein historischer Authentizität, auch wenn sie unter diesem Etikett mit Vorliebe Mythen, Halbwahrheiten und durch handfeste Interesse motivierte Lügen verbreiteten. Griffiths Bürgerkriegsepos ist ungeachtet seiner filmischen Qualitäten selbst wohl eines der besten Beispiele für Geschichtsklitterung.
Ähnliches läßt sich allerdings auch von Andrew V. McLaglens Western "Chisum" (1970) sagen, nur daß dieser Film stilistisch insgesamt wenig originell ist. Im Gedächtnis haften wird dem Zuschauer sicherlich die Eröffnung des Filmes, die Details aus einer Reihe von Gemälden - Thema sind verschiedene Stationen eines Viehtriebs, und fast hat man den Eindruck, als habe man sich hier an "Red River" orientiert - durch schnelle Schnitte so geschickt montiert und mit Soundeffekten unterlegt, daß hier fast eine Art Comic entsteht, der von den Gefahren und Entbehrungen des Cowboyalltags kündet.
Diese Einführungssequenz ist wichtig, auch wenn "Chisum" nicht von einem Viehtrieb durch die Unbilden der Landschaft und des Wetters und das Gebiet feindlicher Indianer handelt, sondern die Geschichte des Lincoln County War erzählt - allerdings auf eine sehr eigenwillige Weise, die mit den tatsächlichen Ereignissen nicht viel zu tun hat und eindeutig Partei für die Rancher Tunstall (Patric Knowles) und Chisum (John Wayne) ergreift, deren Verdienste um die Zähmung des Westens im Vorspann ja bereits angesprochen worden sind, so daß kein Zweifel daran bestehen kann, daß es sich bei ihnen um die Guten handelt - aber davon gleich. In McLaglens Version der Geschichte wird die Stadt Lincoln langsam, aber sicher von dem geldgierigen Laurence Murphy (Forrest Tucker) übernommen, der den kleinen Farmern buchstäblich das Wasser abgräbt und mit Hilfe des korrupten Sheriffs Brady (Bruce Cabot) nun auch versucht, Chisum und Tunstall zu schaden. Als die beiden Rinderbarone sehen, wie Murphy sein Handelsmonopol in Lincoln nutzt, um die Stadtbewohner und Farmer durch Wucherkredite und hohe Preise zu schröpfen, beschließen die zwei, selbst eine Bank und einen Laden zu gründen, um Murphys Macht zu brechen. Dieser, eindeutig der böse Kapitalist, heckt nun eine Intrige aus, infolge deren Tunstall, einer der guten Kapitalisten, zu Tode kommt, was wiederum Billy the Kid (Geoffrey Deuel), der für Tunstall arbeitete, zu einem Rachefeldzug antreibt.
McLaglens Western ist zwar als Epos angelegt, doch bleibt er trotz aller Schläge und Gegenschläge, mit denen sich die beiden Seiten beharken, seltsam leblos, wie auch schon Joe Hembus urteilte. Dies mag mehreren Umständen geschuldet sein: Zum einen wartet der Film mit einer Vielzahl an Figuren auf - da haben wir Tunstall und Chisum und dessen Sidekick Pepper (Ben Johnson), dann Chisums Nichte Sallie, wir haben Billy the Kid und natürlich auch Pat Garrett (Glenn Corbett), auf der Seite der Bösen sind Murphy, Sheriff Brady, dessen Nachfolger, der wahrhaft fiese Kopfgeldjäger Nodeen (Christopher George), der eine persönliche Rechnung mit dem Kid offenstehen hat, sowie des Kids ehemaliger Kumpan Jess Evans (Richard Jaeckel) und noch so manch andere. Und ja, wir haben auch noch einen alten Indianerhäuptling, dessen einziger Zweck zu sein scheint zu zeigen, wie großmütig und respektvoll Chisum mit seinen Widersachern von einst umgeht, die er zu achten gelernt hat. All diese Figuren können natürlich nicht wirklich entwickelt werden, und somit kommen wir zum zweiten Kritikpunkt, nämlich der Schablonenhaftigkeit der Charaktere, die sich ganz leicht in Gut und Böse aufteilen lassen. Schon John Ford, von dem McLaglen doch einiges gelernt hat, hat auf solche Schwarzweißmalerei meist verzichtet, da ihr Ergebnis in der Regel langweilige Western sind. Infolge der Vielzahl der Charaktere kommt es denn auch zu manch einer plottechnischen Redundanz, wie etwa der sich anbahnenden Liebesbeziehung zwischen dem Kid und Sallie Chisum. Insgesamt also hätte hier viel straffer inszeniert werden können.
Was bleibt, ist ein dennoch recht anständiger Durchschnittswestern, der indes wenig von der faszinierenden Komplexität der Spitzenvertreter seines Genres hat. Störend wirkt an "Chisum" dabei jedoch die konservativ-paternalistische Grundhaltung, die schon in McLaglens "McLintock!" sieben Jahre zuvor in ätzender Deutlichkeit hervortrat und die beinahe den Geist eines Fibelstücks aus Friedrich Eberhard von Rochows "Kinderfreund" atmet. So wird in "Chisum" ganz deutlich unterschieden zwischen den beiden guten Kapitalisten Chisum und Tunstall, die mit Rinderzucht, also ehrlicher Arbeit, ihr Geld verdienen. Chisum hat seinerzeit gegen die Indianer gekämpft, um seine Ranch auszubauen, doch denkt er nun mit Wehmut daran, daß seine Feinde von einst als Schatten ihrer selbst in Reservate gepfercht wurden. Freilich, jetzt da er die Indianer von ihrem Land hat vertreiben helfen, kann er es sich leisten, ihr Los so ganz im allgemeinen zu beklagen. Überhaupt, so seufzen er und sein Freund Pepper fast durch den ganzen Film, sei nichts mehr so, wie es einmal war und habe man sich den Frieden und die Zivilisation teuer um den Preis der Unberührtheit und Wildheit des Westens erkaufen müssen. Ganz wie McLintock ist auch Chisum ein Reicher mit einem Herzen für die kleinen Leute, die ihre Rinder auf seinem Gebiet tränken dürfen.
Tunstall, in der Realität ein 24jähriger Brite, ein Rancher und Geschäftsmann, der schon früh Männer wie Billy the Kid anheuerte und der Murphy im Bankgeschäft Konkurrenz zu machen drohte, ist im Film ein weißhaariger, pfeiferauchender Gentleman, der niemals seines Nachbarn Eigentum begehren würde und der, für die Abkehr von Gewalt und Willkür eintretend, aus Billy the Kid ein ehrbares Mitglied der Gesellschaft zu machen versucht. Nur durch den Tod seines Wohltäters von der Hand der Murphy'schen Schergen wendet sich der Kid dann schließlich vom Pfad des Friedens ab und startet einen Rachefeldzug. Auf der anderen Seite steht mit Murphy der Stadtkapitalist, der Banken und Handelsmonopole nutzt, um seine Mitmenschen zu knechten. Land kauft er nur, um anderen das Wasser abzugraben und seinen Einfluß zu mehren, und ein Großteil des Viehs, das er besitzt, hat er nicht gezüchtet, sondern gestohlen. So einfach lagen also die Dinge im Falle des Lincoln County War. Wenn die Historiker doch nur wüßten, wie viel unnütze Mühe sie sich mit ihren verschiedenen Grautönen machen! Sie könnten es doch so einfach haben, würden sie erkennen, daß nicht der Kapitalismus an sich strukturelle Probleme schafft, sondern daß diese einzig und allein durch die Machenschaften einzelner individueller böser Kapitalisten entstehen und zudem moralischer Natur sind. Und daß diese Probleme durch anständige, paternalistische Plutokraten gelöst werden können.
Insgesamt, so denke ich, kommt "Chisum" mit 3,5 Sternen gut weg. Die DVD enthält als Extras eine Dokumentation über "John Wayne und Chisum" sowie einen Audiokommentar des Regisseurs selbst. Doch, ehrlich gesagt, wird wohl noch ein Weilchen vergehen, bis ich Lust habe, mir den Film ein zweites Mal - diesmal mit McLaglens Kommentaren - anzusehen.