Aus ganz China hat der Heidelberger Sinologe Oliver L. Radtke rund tausend Fotos von Schildern, Bannern, Hinweisen, Verboten gesammelt, die alle etwas gemein haben, so sehr sie sich sonst in Typografie und Diktion und Zweck unterscheiden mögen: sie zeigen Chinglish. Jenes sprachliche Phänomen, das auf eine merk-würdige Weise die Systeme des Chinesischen mit dem Englischen verquickt.
Heraus kommt dabei, wenn es gut geht, lustiges Kauderwelsch und unfreiwillige Komik, und wenn es daneben geht, deftige Zoten oder schlicht barer Unsinn.
Nun ist das Phänomen Chinglish zu komplex, um verheizt zu werden zu billigen Gags.
Erstens weil auch die Verdrehungen immer noch Sinn haben. Denn sie zeigen eine ganz eigene chinesische Handschrift selbst in der englischen Karikatur. Und auch in kruden Fehlleistungen wird immer noch etwas vom Charme konserviert, den die vollständig andere Art des Chinesischen, Menschen anzusprechen oder um etwas zu bitten, besitzt. Was man als eine poetische, indirekte, verschlüsseltere Form der Ansprache nennen könnte, wird in der Übersetzung, die solche Diskretion zu retten versucht, gelegentlich kunterbuntes Gestammel und stürzt dann ab in ein semantisches Nirwana, in ein Chaos aus heillosen Verweisen und Assoziationen. Was ist der Grund: Chinesen adressieren anders, und das tun sie auch dann, wenn sie sich der fremden Sprache bedienen, obwohl die Direktheit "unseres" indogermanischen Englisch dies gar nicht leistet.
Der zweite Grund für die Bedeutung des Chinglish: wir lernen viel über uns. '"Le Lied"' lautet eine der markanten, anrührenden Texte Tucholskys über seine Erfahrungen beim Anhören einer Parodie deutschen Gesangs in Paris. So also klingt unsere Sprache für französische Ohren, war die Lektion. Vergleichbares erleben wir hier im Gegenüber chinesischer Verbotsschilder: die krumme Übersetzung (und ziehen wir allen technisch, also etwa online-Übersetzungsmaschinen-bedingten Schrott ab) ist immer auch ein Hinweis auf unsere eigene Diktion, die harte Direktheit unserer obrigkeitshörigen Sprache und Tönung: "Rasen betreten verboten!". So heißt das bei uns immer noch.
Eine leise Ahnung von der wundervollen alten sprachlichen Kultur Chinas befällt einen noch in der Humoreske: '"Bitte habt Gnade mit dem Leben des schmächtigen Grases!".
Chapeau bas!
Die traurige Pointe: die chinesische Regierung fegt mit eisernem Besen alles Chinglish weg! Olympia 2008 soll sprachlich adrett und clean sein.
"Chinglish - found in translation" ist eine sehr gelungene Rettungsaktion!