Ein Buch über chinesische Medizin, das nicht von einem Mediziner geschrieben wurde, kann das funktionieren? Das kann es sehr wohl, denn einerseits ist Prof. Unschuld Sinologe und Medizinhistoriker (und nebenbei Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande). Andererseits ist sein Werk auch insofern kein typisches Buch, das Yin- oder Yang-Syndrome ausfühlich unter rein medizinischen Aspekten diskutiert, Symptome aufzählt oder Therapien präsentiert.
"Chinesische Medizin" versteht sich vielmehr als eine Einführung in das Gedankenmodell von dem, was die Chinesen einerseits und die Westler andererseits unter TCM verstehen, und das kann so verschieden oder so gleich sein wie Yin und Yang in ihren vielfältigen Wechselbeziehungen. Nicht ohne Überraschung lernt der Leser, dass eine klassische chinesische Medizin heutzutage bereits an fehlenden "klimatisch-astrologischen" Informationen scheitert, die die Grundlage einer ordentlichen Diagnose sind, denn nur wenn der Arzt über diese Daten verfügt, kann er die richtige Therapie anhand der Lehren von Ying und Yang und von den fünf Phasen konzipieren, zumindest, wenn er klassisch und unter Verwendung von Akupunktur vorgehen will.
Aber auch die TCM ist einer historischen Entwicklung unterworfen, und der Wandel der Positionen von Ost und West ihr gegenüber ist ein wesentlicher Bestandteil des Werkes von Unschuld - und gerade das macht es so lesenswert. Letztendlich erweitert dieses Büchlein den Horizont des Lesers, der sich zuvor von einem Fachbuch zum nächsten gequält und sich über mitunter diametral gegenteilige Meinungen der einzelnen Autoren gewundert hat (des Rätsels Lösung: ein Konsens ist in den meisten Fällen offensichtlich weder gesucht noch für notwendig erachtet worden, da die Chinesen über lange Zeitperioden nicht nach Erklärungen für ihr System gesucht, sondern entsprechende Theorien entwickelt und an der Realität gemessen haben). Insofern trägt Unschulds Buch zur Ernüchterung bei, indem es den im Westen ihr oft angedichteten Schleier des Mystischen hebt und aufzeigt, was mit TCM zu erreichen ist und was nicht.
Chinesische Medizin ist somit ein Gedankenansatz von vielen, den Menschen möglichst lange gesund zu erhalten - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Aus meiner Sicht ein Muss für jeden, der sich näher mit TCM beschäftigen möchte, sei es als Arzt, sei es als Patient.